Wirtschaft : BMW in Südafrika: Das Projekt vom neuen Menschen

Robert Ide

Tack, Tack, Tack. Mit lauten Knallen stanzt eine Maschine drei Löcher in ein Metallstück. Ein Arbeiter mit Helm und blau-rotem Anzug hält das Gerät fest, die Erschütterungen durchzucken seinen Körper. Tack, tack, tack. Wenn das Teil gelocht ist, wirft er es in eine große, blaue Kiste. 100 mal macht er das am Tag, für umgerechnet 1200 Mark im Monat. Er hat Glück gehabt. Nur wenige Südafrikaner haben einen Job bei BMW.

"Nirgends in der Welt kann man so gut produzieren wie hier", sagt Ian Robertson, Chef von BMW South Africa. Der 42-jährige Brite ist stolz auf seine Angestellten. Denn das modernisierte Werk in Rosslyn, nordwestlich von Pretoria, produziert für den Export. Nicht Südafrikaner kaufen die hier gebauten Autos der Dreier-Reihe, sondern Amerikaner und Japaner. Knapp 50 000 Fahrzeuge laufen jedes Jahr vom Band, die Montage eines Wagens dauert zehn Stunden, anderthalb mehr als in Deutschland. Als BMW hier vor 25 Jahren anfing, wurden nur ein paar Autos für den Heimatmarkt zusammen gesetzt. Heute steht hier das "World Plant BMW". Die meisten der Direktoren kommen aus Europa, fast alle Arbeiter aus Südafrika. Die einen haben weiße Haut, die anderen schwarze. In der Kantine setzen sie sich an getrennte Tische.

Für Robertson sind die Männer und Frauen am Fließband die "Crème de la crème Südafrikas". Sie sind speziell ausgewählt und geschult. In der klinisch sauberen Lackierabteilung besprühen Arbeiter die Karossen millimetergenau mit Farbe - gelernt haben sie das auf Weiterbildungen, die Hälfte davon in Übersee. "Wir bei BMW" lautet das Motto am Werkstor. Um alle 4000 Arbeiter davon zu begeistern, setzt der Konzern auf umfangreiche Betreuung. Die beginnt schon im Kindergarten und reicht bis zur Altersversorgung - BMW schafft sich in Südafrika eine eigene Welt.

Ortstermin in Ndonga, Provinz Ostkap. Hier ist von der schönen, neuen Industriewelt nichts zu sehen. Die Menschen leben in kleinen Blechhütten, ohne Wasseranschluss, ohne Strom. Jeder dritte Erwachsene hat keine Arbeit, jeder dritte Jugendliche hat Aids. Ein holpriger Sandweg ist die einzige Verbindung zur Außenwelt. Mitten im Elend leuchten helle Steingebäude mit blauen Metalldächern in der Sonne. Am Eingang prangt das "BMW"-Logo. Eine neue Schule wird eröffnet, gestiftet von den deutschen Autobauern. Vorstandschef Joachim Milberg ist extra eingeflogen, ebenso Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela. Aus den Dörfern der Umgebung pilgern Tausende Menschen herbei, um die Einweihung zu feiern. Frauen mit bunten Tüchern auf den Schultern und braunen Röcken aus Kuhleder springen im Kreis umher und beschwören ihren Gott. Festlich gekleidete Kinder singen im Chor. Ihre roten Uniformen werden von weißen T-Shirts verdeckt, die manchen bis zu den Knien reichen. Der blaue Aufdruck besteht aus drei Buchstaben.

"Wir danken BMW im Namen Gottes", ruft der Priester, ehe Nelson Mandela unter den Anfeuerungsrufen der Schaulustigen auf die Wiese tritt und zum Tanz ansetzt. Die weißen Firmenbosse mit ihren dunklen Anzügen gesellen sich zu ihm und schunkeln etwas ungelenk an seiner Seite. Mandela lacht und bedankt sich für die Investition. Mehr als 120 Firmen hat er für Projekte wie dieses gewinnen können. Der frühere Präsident weiß, wie dringend die armen Regionen Südafrikas auf Hilfe von außen angewiesen sind. Kliniken, Schulen, Universitäten - all das kann die Regierung, die mit Kriminalität und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat, nicht bezahlen. Ausländische Firmen müssen einspringen. "Wir identifizieren uns mit sozialen Fragen", beteuert Milberg. Die Einheimischen applaudieren.

Natürlich hat das Engagement auch wirtschaftliche Gründe: BMW-Arbeiter brauchen Bildung und Technik-Verständnis. Ein normaler Schulabschluss in Südafrika entspricht nur dem Niveau einer deutschen vierten Klasse. Daher fördert der Konzern die Ausbildung von Mathematik-Lehrern und schickt Jugendlichen einen Bus aufs Land, in dem physikalische Versuchsreihen aufgebaut sind und PC-Monitore flimmern. "Technology in Motion" heißt das Gefährt im Wert von 700 000 Rand (200 000 Mark). Die Investition erscheint nicht hoch angesichts eines Exportvolumens von 7,5 Milliarden Rand. Zudem erhöhen Sozialprojekte das Image und garantieren BMW einen Pool an fähigen Arbeitskräften. So etwas ist in Südafrika fast unbezahlbar.

"Ich würde gerne bei BMW arbeiten", sagt der 32-jährige Ayanda aus Soweto, "das ist der beste Job, den es gibt". Ayanda ist in dem berühmten Johannesburger Schwarzenviertel aufgewachsen, das während der Apartheid im Brennpunkt stand. Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu lebten hier, ebenso der heutige Präsident Thabo Mbeki. Ayanda weiß viel über den Freiheitskampf, aber er kennt auch das BMW-Werk und die Autos. "In sechs Sekunden kann man einen BMW knacken", behauptet er und lächelt wissend. In Soweto, wo noch 1,8 Millionen Schwarze in Blechhütten und kleinen Häusern leben, soll es Autoknacker geben, die auf die Marke spezialisiert sind. Die geklauten Gefährte werden nach ganz Afrika verschoben. Kein Wunder, dass in Soweto die Abkürzung "BMW" eine eigene Bedeutung hat: "Break my window", schlag meine Scheibe ein.

Die BMW-Welt hat Ausstrahlung auf das ganze Land. Doch damit ist sie auch attraktiv für Menschen, die ihr nicht angehören. Tilo von Harling, Verkaufsdirektor von BMW South Africa, kann davon viel erzählen. Der 52-jährige Manager aus Franken ist mit seiner Frau und seinem 19-jährigen Sohn ans Kap gekommen. Nun wird er jeden Tag von Bodyguards begleitet und lebt in einem "weißen Soweto", wie er sagt. Hinter Mauern und Stacheldraht sind die reichen Viertel vom restlichen Land abgetrennt.

Trotzdem, für BMW ist das südafrikanische Modell ein Erfolg. Noch immer erzählen Manager von den Streiks, die 1994 alle Autofabriken Südafrikas für einen Monat lahmlegten und fast zum Weggang von BMW geführt hätten. Im gleichen Atemzug berichten sie von den Erfolgen von heute: Zweischichtbetrieb, 400 Zulieferbetriebe, eine Exportquote von 75 Prozent. Möglich scheint das nur mit der selbst erschaffenen Welt: Kindergärten, Wohnungen für die Arbeiter, Servicebusse zum Werk. "Für einen Export mit Weltstandard brauchen wir Arbeiter mit Weltstandard", sagt Seth Phalatse. Er selbst konnte die Chancen nutzen. Als Kurierfahrer fing er vor 21 Jahren an, inzwischen ist er als Direktor für die Regierungskontakte und den gesamten afrikanischen Markt zuständig. Vielleicht hat Phalatse deshalb kein Problem damit, den Grund für das soziale Engagement der Autobauer zu benennen. "Wir wollen besondere Menschen schaffen", sagt er, "besondere BMW-Menschen".

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