Wirtschaft : BMW macht Druck und verärgert Rolls-Royce

Münchner fordern schnelle Entscheidung / Endrunde im Verkauf der britischen Nobelmarke wird spannend GENF/LONDON (grü/tor/HB).Der Münchner Automobilkonzern BMW will in den nächsten drei Wochen eine Offerte zur Übernahme des Luxuswagenherstellers Rolls-Royce abgeben.Das erklärte BMW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder am Rande des Automobilsalons in Genf.In den Bemühungen um eine Übernahme des britischen Luxusautoherstellers pocht BMW auf eine schnelle Entscheidung.Auf ein Pokerspiel will sich Konzernchef Pischetsrieder nicht einlassen.Verkäufer Vickers reagierte verschnupft.Pischetsrieder erklärte am Rande des Genfer Automobilsalons, daß sein Unternehmen in den nächsten Wochen erstmals eine offizielle Kaufofferte beim Rolls-Royce-Eigner Vickers Plc einreichen werde.Gegenüber dem Handelsblatt ließ Pischetsrieder durchblicken, daß die seit Monaten anhaltende öffentliche Diskussion über die Zukunft des britischen Autoproduzenten seiner Ansicht nach erheblich am Image der Nobelmarke kratzt.Eine Entscheidung müsse in den nächsten Wochen fallen, andernfalls würden Kunden und Mitarbeiter so stark verunsichert, daß möglicherweise ein irreparabler Schaden entstehe.Der Mutterkonzern von Rolls-Royce, Vickers, reagierte auf die massive Kritik der deutschen Autobauer an dem Verkaufsverfahren verärgert."Ich bin überrascht über Bernd Pischetsrieder.Wir hatten vereinbart, uns nicht in der Presse zu äußern.Und ich werde mich daran halten", sagte Vickers-Chef Sir Colin Chandler in London.Es könne keine Rede davon sein, daß der sich hinziehende Verkaufsprozeß die Motivation der Beschäftigten negativ beeinflusse.Die Vorstellung des neuen Rolls-Royce-Modells in Genf habe gerade das Gegenteil bewiesen.Chandler ist überzeugt, daß es neben BMW noch andere ernsthafte Interessenten gebe.Vickers werde sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen.BMW will jedenfalls nicht bei einem Pokerspiel mitmachen, erklärte Pischetsrieder.Deswegen werde es auch bei einem einzigen Gebot für Rolls-Royce bleiben.Mit Blick auf das neue Modell "Silver Seraph", das mit BMW-Motoren ausgestattet ist, sagte Pischetsrieder: "Nun ist das neue Auto fertig, und noch immer weiß niemand, wohin die Reise mit Rolls-Royce geht.Das muß sich schnellstens ändern."Der BMW-Chef sagte, daß er sich mit dem VW-Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch in einem "sportlichen Wettbewerb" um Rolls-Royce sehe.Der Wolfsburger Konzern zählt zu den aussichtsreichsten Mitbietern, nachdem Daimler-Benz aus dem Rennen schied.In London heißt es, fünf Bewerber seien jetzt noch im Rennen.Unter ihnen soll sich auch der japanische Automobilbauer Toyota befinden.Als möglichen Preis für Rolls-Royce hat Vickers früheren Angaben zufolge etwa 400 Mill.Pfund oder umgerechnet 1,2 Mrd.DM veranschlagt.Zur Höhe des BMW-Gebots wollte Pischetsrieder keine Angaben machen.Wer letztlich die besten Karten hat, ist immer noch nicht auszumachen.BMW hat sich jedenfalls schon Gedanken gemacht, was bei einer Übernahme des britischen Luxusautoherstellers nötig wäre.Pischetsrieder kündigte an, in den nächsten zehn Jahren bis zu einer Mrd.Pfund, knapp 3 Mrd.DM, in das britische Traditionsunternehmen zu investieren.Damit sollen zwei völlig neue Modellreihen entwickelt werden.Außerdem glaubt BMW, die Kosten des britischen Autobauers um 30 Prozent drücken und das Umsatzvolumen nach Einführung der neuen Modelle verdreifachen zu können.Im vergangenen Jahr erlöste Rolls-Royce rund 312 (303) Mill.Pfund.Der operative Gewinn ging leicht von 27,4 auf 24 Mill.Pfund zurück.Sollten sich die Münchener mit ihrem Angebot nicht durchsetzen, wollen sie nach eigenen Angaben die Lieferung ihrer Zwölf-Zylinder-Motoren für den neuen Rolls-Royce "Silver Seraph" und den neuen Bentley einstellen.Für Sir Collin Chandler ist das eine leere Drohung.BMW sei nicht der einzige Kandidat und könne auch nicht über Nacht seine Lieferungen beenden, betonte der Vickers-Chef in London.Sollte ein Konkurrent von BMW den Zuschlag für die Übernahme von Rolls-Royce erhalten, hätte dieser genügend Zeit, sich nach Antriebs-Alternativen umzusehen.Chandler ist nach den Vorwürfen der Deutschen, das Verkaufsverfahren sei dilettantisch und werde zum Schaden der Mitarbeiter verzögert, merklich verärgert.Vickers hat mit dem Verkauf die angesehene Investmentbank Lazard beauftragt, die an alle ernsthaften Interessenten Anfang 1998 ein Verkaufsmemorandum verschickt hat.Die Entscheidung sollte eigentlich bis Ende März fallen.Beobachter rechnen jedoch damit, daß sich das Verfahren bis in den April hinein verzögern könnte.Unklar ist, ob die von Rolls-Royce- und Bentley-Fahrern gegründete Aktionsgruppe ein Angebot auf die Beine stellen kann.Die Gruppe hat sich vor wenigen Wochen zerstritten und geteilt.Ihre Aussichten werden ohnehin als gering eingeschätzt, da Vickers seine noble Tochter am liebsten an einen kapitalkräftigen Autokonzern verkaufen möchte.Ob die Briten dabei den gewünschten Preis von rund 400 Mill.Pfund erzielen können, hängt nicht zuletzt von ihrer Nervenstärke im Pokerspiel ab.Das Geld könnte Vickers jedenfalls gut gebrauchen, hat der Konzern im vergangenen Jahr doch einen Jahresfehlbetrag von 2,2 Mill.Pfund eingefahren.Im Vorjahr wurde noch ein Gewinn von fast 57 Mill.Pfund erzielt.Der Umsatz stagnierte bei knapp 1,2 Mrd.Pfund.Chandler macht für das schlechte Abschneiden den radikalen Konzernumbau verantwortlich.

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