Wirtschaft : Boehringer hat keine Lust mehr

Pharmakonzern stoppt Entwicklung von „Frauen-Viagra“. US-Behörde zweifelt an Wirksamkeit

Laura Höflinger
Raus aus der Pipeline. Produktion bei Boehringer am Standort Biberach. Foto: ddp
Raus aus der Pipeline. Produktion bei Boehringer am Standort Biberach. Foto: ddpFoto: ddp

Berlin - Erst wollten sie daraus ein Antidepressivum machen, dann die Lustpille für die Frau. Nun wird daraus gar nichts: Das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim wird seinen Wirkstoff Flibanserin nach Jahren von Forschungs- und Marketingkosten nicht mehr weiterentwickeln, wie das Unternehmen am Freitag mitteilte. „Die Entscheidung ist uns vor allem angesichts des Entwicklungsstandes nicht leicht gefallen“, sagte Andreas Barner, Chef des zweitgrößten deutschen Pharmakonzerns. Man sei weiterhin von der Wirksamkeit des Präparats überzeugt – aber der Aufwand, um die Zulassung in den USA zu erhalten, sei zu groß.

Schon im vergangenen Jahr stellten Studien den Nutzen von Flibanserin infrage. Damals testete Boehringer seinen Wirkstoff an zwei Gruppen von Frauen: Die einen nahmen täglich eine Dosis Flibanserin, die anderen nur ein Placebo-Präparat. Zwar hatten die Frauen aus der ersten Gruppe tatsächlich ein paar Mal mehr Sex im Monat, allerdings nur geringfügig mehr als die Frauen mit Placebo. Auch sie wurden nach Einnahme der wirklosen Pille sexuell aktiver.

Offenbar waren die Unterschiede zu gering, wie dann im Juni ein Expertenausschuss der US-Aufsichtsbehörde FDA entschied. Sie empfahlen, das Medikament nicht zuzulassen. Grund: Das Mittel sei nicht wirksam genug, um die Risiken von Nebenwirkungen zu rechtfertigen. Vor allem die nicht absehbaren Langzeitwirkungen machten den Experten Sorgen. Da die FDA in den meisten Fällen der Einschätzung ihrer Experten-Gremien folgt, zog Boehringer jetzt offenbar noch die Reißleine.

Denn eigentlich wollte der Konzern Flibanserin unter dem Namen „Girosa“ in den Handel bringen und sich damit einen völlig neuen Markt erschließen: Frauen mit Sexualstörungen kurz vor den Wechseljahren oder in der Fachsprache Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD) genannt, zu Deutsch etwa Mangel an sexuellem Verlangen. Doch dass es sich dabei wirklich um eine Krankheit handelt, zweifelten viele Pharma-Kritiker an und warfen Boehringer vor, aus einem natürlichen Rückgang der Lust im Alter eine Krankheit zu machen, um damit Geld zu verdienen. Damit geriet Boehringer in den Fokus der Medien und Kritiker – für das eher zurückhaltende Familienunternehmen eine neue Situation.

In Ingelheim wehrt man sich auch immer wieder gegen Spitznamen aus den Medien wie „Viagra für die Frau“ oder „Pink Viagra“, weil sie irreführend seien. Denn während Pfizers Umsatzrenner Viagra die Durchblutung steigert, wirkt Flibanserin im Gehirn. Dort steuert es, welche Sexualhormone produziert werden.

Dass Boehringer seine Forschungen daran nun abbricht, bedeutet für das Unternehmen einen großen Rückschlag. Viele der umsatzstärksten Medikamente verlieren in den kommenden Jahren ihren Patentschutz. Flibanserin galt daher als eines der wichtigsten Produkte in der Pipeline und sollte die Zukunft des Unternehmens mitsichern, dass sich 2010 erstmals auf sinkende Umsätze einstellt. Nun dürften die Hoffnungen noch stärker auf dem Gerinnungshemmer Pradaxa liegen.

Mit dem Konkurrenten Bayer liefert sich Boehringer derzeit ein Rennen darum, wer als Erstes eine Zulassung für ein Medikament zur Schlaganfallvorbeugung bekommt. Vor einigen Wochen bekam Boehringer als Erster eine positive Empfehlung von einem Expertenausschuss der FDA für Pradaxa. Sollte die Pille tatsächlich zur Schlaganfallprophylaxe zugelassen werden, winkt immerhin damit ein Milliardengeschäft.

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