Wirtschaft : Boeing liebäugelt mit Berliner Firmen

Erfolg beim Diepgen-Besuch: Der US-Flugzeugbauer vergibt Aufträge an die Spree / Air Berlin bestellt Flugzeuge SEATTLE (mah).Ausgerechnet beim großen Airbus-Rivalen, der US-Fluggesellschaft Boeing, zeichnen sich für Berliner Firmen konkrete Absatzchancen ab: Beim Besuch der Wirtschaftsdelegation, die den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen auf dessen Nordamerika-Tour begleitet, zeigten die Amerikaner großes Interesse an einer Neuentwicklung der Schöneberger Chromation Laser Systems GmbH.Anlaß für den Besuch bei Boeing war der "Roll-out" einer neuen Maschine für die Charterfluggesellschaft Air Berlin - kleines Trostpflaster für den US-Hersteller, der in jüngster Zeit prestigereiche Aufträge an Airbus verlor. Joachim Hunold kommt aus "Airbus country".Für die Amerikaner paßt dieses Label auf alle Länder, die am europäischen Luftfahrt-Konsortium beteiligt sind, also auch auf Deutschland.Hunold, der Chef der Fluggesellschaft Air Berlin, ist deshalb ein besonders gerngesehener Gast in Seattle.Die Übergabe einer von ihm bestellten Boeing 737 geriet hier zum Medienereignis.Zumal Hunold am Mittwoch gleich noch den Kauf zweier weiterer Flugzeuge des gleichen Typs für je 44 Mill.Dollar eintütete.Nachdem zuletzt Milliardenaufträge in Südamerika an den Wettbewerber Airbus gingen, sind für Boeing auch vergleichsweise kleine Geschäfte wie dieses Balsam auf frische Wunden.Zumal dann, wenn sich der Deal quasi im Hinterhof der Konkurrenz abspielt.Entsprechend groß war vor Wochenfrist in Seattle auch das Brimborium bei der Übergabe einer 777 an die Air France.Denn Frankreich wird natürlich noch stärker mit Airbus identifiziert als die Bundesrepublik. In solchen Feierstunden können die Boeing-Manager für kurze Zeit aufatmen."Wir haben Probleme", räumt Boeing-Direktor Joseph Masterson ein.Bei vollen Auftragsbüchern kommen die Amerikaner mit der Produktion derzeit nicht nach.Immer wieder verzögern sich in letzter Zeit die Auslieferungen.Als Gründe werden Engpässe bei Zulieferern genannt, aber auch die mangelnde Qualifikation von Teilen des Boeing-Personals, das je nach Marktlage geheuert und gefeuert wird.Und so muß selbst US-Vizepräsident Al Gore derzeit auf seinen Flieger, eine VIP-Version der 757, warten. Auch bei der 737 für Air Berlin gab es Schwierigkeiten.Eigentlich sollte sich die von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen angeführte Wirtschafts-Delegation nach ihrer aktuellen US-Reise mit Hunolds Flieger auf den Heimweg machen.Doch daraus wird nichts.Der "Rollout" der neuen Maschine am Mittwoch war nur symbolisch, das Flugzeug ist nicht ganz fertiggeworden.Zu allem Überfluß wurde zwischenzeitlich auch noch ein mit den Firmenfarben Rot-Weiß nicht übereinstimmender Lack aufgetragen.Daß sogar, wie hiesige Journalisten mutmaßten, kurzerhand ein falscher Flügel anmontiert worden war, wollte Hunold dagegen nicht bestätigen. Für den einstigen LTU-Vertriebs-Chef, der 1991 die Air Berlin mit nur zwei Flugzeugen übernahm und mittlerweile bei 320 Mill.DM Jahresumsatz 1,65 Millionen Urlauber jährlich ans Mittelmeer bugsiert, bleibt Boeing trotz aller Schwierigkeiten erste Wahl.Ausschlaggebend für seine Entscheidung sei vor allem der Kundendienst.Die 737, der "Volkswagen" unter den Fliegern, könne überall auf der Welt problemlos gewartet werden.Auch sei es einfacher, Piloten für dieses Flugzeug zu schulen, als für die technisch komplizierteren Airbusse. Neben dem am Ende zufriedenen Kunden Hunold ("Probleme kann es bei solchen Geschäften immer mal geben") suchten in den letzten Tagen 21 Berliner und Brandenburger Firmen und Forschungseinrichtungen den Schulterschluß mit Boeing.Auf Einladung der Wirtschaftsförderung hatten sie sich dem Diepgen-Trip nach Seattle angeschlossen, um hier Kontakte zu knüpfen.Einige davon, etwa Holmco, der Kreuzberger Hersteller elektroakustischer Geräte, oder das mittlerweile von Berlin nach Ludwigsfelde umgezogene Sanitär-Unternehmen Aqua Butzke hatten Airbus-Aufträge als Referenzen im Gepäck.Beide wollen sich nach ihrer jetzigen Präsentation im Mai noch einmal auf einer Boeing-Hausmesse vorstellen. Einen Schritt weiter ist bereits das Weddinger Zentrum für Logistik und Unternehmensplanung (ZLU)."Die Amerikaner zeigen an unseren Ideen Interesse", sagt ZLU-Manager Frank Straube, der glaubt, mit seiner Logistik die ins Stocken geratene Boeing-Produktion wieder flottmachen zu können.Konkrete Aufträge vermeldete derweil Rainer Dallwig, Marketing-Chef der Chromation Laser Systems GmbH.Boeing will das 55 000 DM teure Hauptprodukt der Schöneberger Firma nutzen, um Flugzeugteile individuell zu markieren und sich damit vor dem Einbau von Plagiaten zu schützen."Ein solches Ergebnis hätte ich mir nicht träumen lassen", frohlockte Dallwig, der sein kleines Laser-Gerät im Handgepäck hatte und die Amerikaner mit einer improvisierten Vorführung nachhaltig beeindruckte.

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