Wirtschaft : Börse: Der Neue Markt kommt nicht zur Ruhe

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Ein erneuter Kurssturz am Neuen Markt hat am Dienstag die Hoffnung auf eine Erholung der Aktienkurse zunichte gemacht. An der Börse herrsche Panik, hieß es. Der Nemax-50 fiel zweitweise um zehn Prozent und rutschte unter die 1300-Punkte-Marke. Auch der Dax notierte deutlich schwächer. Ausgelöst wurde die Talfahrt von hohen Verlusten an den US-Börsen, neuen Gewinnwarnungen und hausgemachten Problemen am Neuen Markt.

Nach einer Beruhigung in den vergangenen Tagen stürzte der Nemax-50 bis zum Abend um 9,8 Prozent auf 1292 Punkte. Der Dax brach um rund vier Prozent auf 5530 Zähler ein. Auch die New Yorker Börsen setzten am Abend schwächer in den Handel ein. Wenige Minuten nach Handelsbeginn notierte der von Technologieaktien dominierte Nasdaq-Index um 2,03 Prozent niedriger bei 1746 Zählern. Der Dow-Jones-Index lag mit 0,83 Prozent im Minus bei 9696 Zählern. Internet- und Technologie-Firmen hatten zuvor die Wall Street mit Gewinnwarnungen schockiert. Neben Ariba veröffentlichten prominente Unternehmen wie Broadvision, Epiphany und Redback Networks Hiobsbotschaften.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Bei der Erklärung des neuerlichen Ausverkaufs am Neuen Markt taten sich die Börsianer indes schwer. "Wir sind mit unserem Latein am Ende", sagte ein Händler. Die Investoren flüchteten fast panikartig aus den Werten. "Niemand möchte mehr sein Geld am Neuen Markt investieren." Die Konsequenz beschrieb ein Fondsmanager: "Unsere Kassenhaltung ist überproportional hoch." Neben den schlechten Nachrichten von den US-Börsen gebe es nach wie vor negative Überraschungen bei den einstigen Lieblingen der Anleger, sagte Thomas Ludwig von der Vereins- und Westbank mit Verweis auf den Insolvenzantrag des Telefon-Unternehmens Teldafax. Der Billig-Anbieter darf offenbar auf einen Rettungsplan der US-Firma World Access hoffen, die 70 Prozent der Anteile übernehmen will. World Access kündigte am Dienstag an, das Unternehmen werde für "gewisse Forderungen" der Telekom bis Anfang nächster Woche einstehen. Die Deutsche Telekom hält aber gleichwohl ihren Druck auf den säumigen Konkurrenten und Anbieter von Call-by-Call-Gesprächen aufrecht. Service-Leitungen sowie Zugänge zum Mobilfunk blieben wegen der Schulden von Teldafax gekappt, sagte Telekom-Sprecher Ulrich Lissek. Die Teldafax-Aktie erlor am Dienstag gut sechs Prozent auf 0,5 Euro.

Die Aktien des Softwareunternehmens Broadvision büßten nach der Veröffentlichung von enttäuschenden Quartalszahlen ein Drittel ihres Wertes ein und fielen in Frankfurt auf ein Rekordtief von 3,47 Euro. Das am Neuen Markt und der US-Börse Nasdaq gelistete Unternehmen hatte am Vortag nach Börsenschluss mitgeteilt, dass die konjunkturelle Unsicherheit das Ergebnis des ersten Quartals 2001 belastet habe und 325 Arbeitsplätze gestrichen würden. Mehrere Investmentbanken nahmen ihre Gewinnschätzungen für Broadvision zurück.

Erneut unter Verkaufsdruck standen die Titel des Informationslogistik-Unternehmens Caatoosee, die um 36 Prozent fielen. Bereits am Vortag hatten sie 56 Prozent verloren. Zurückgeführt wurde der Absturz auf den Rauswurf des zuletzt glücklosen Fondsmanagers Kurt Ochner beim Bankhaus Julius Bär, in dessen Fonds Caatoosee stark gewichtet war. Ähnlich erging es den Aktien des Berliner Software-Unternehmens Lipro, die um 43 Prozent abstürzten.

Nach Einschätzung von Fondsmanager Holger Grawe von der WestLB Asset Management steht dem Neuen Markt eine weitere Talfahrt bevor. Den Boden sieht er erst dann erreicht, wenn der Markt in den kommenden Tagen weiter um jeweils sieben bis acht Prozent abrutscht. Spätestens im Mai, so Grawe, sollte dann auch über die Zukunft der US-Konjunktur Klarheit herrschen. Bis dahin ist Grawe pessimistisch: "Der Neue Markt ist im Niemandsland angekommen."

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