Wirtschaft : Börse: Die Angst regiert

Ungeachtet weiterer Zinssenkungen durch die japanische und mehrere europäische Zentralbanken sind die Aktienkurse an den europäischen Börsen am Dienstag gesunken. Der Dax schloss bei 4194,85 Punkten, ein Minus von 0,94 Prozent. Die Wall Street begann etwas fester. Gegen 21 Uhr stand der Dow Jones dann bei 8928 Punkten etwa auf dem Niveau des Vortagsschlusses. Auch die Kurse an der Tokioter Börse hatten um 1,85 Prozent zugelegt. Der Nikkei schloss bei 9679,88 Zählern.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Am Morgen hatte zunächst die japanische Notenbank ihren Diskontsatz von 0,25 Prozent auf 0,1 Prozent zurückgenommen. Es folgte die dänische Notenbank mit einer Rücknahme um 50 Basispunkte auf 3,75 Prozent und die Bank von England, die ihren Leitzins von 5,00 auf 4,75 Prozent senkte. Damit liegen die Zinsen in Großbritannien erstmals seit 1964 unter fünf Prozent. Auch die Zentralbanken Kanadas und der Schweiz sowie Schwedens und Kuwaits hatten sich der Senkung angeschlossen.

Diese Zinssenkungen hätten jedoch nur wenig Einfluss auf die Kurse gehabt, sagten Händler. Es überwogen Kriegs- und Rezessionsängste. Europaweit seien die Umsätze bei sehr nervösem Handel gering geblieben. Die meisten Investoren wollten die Entwicklung an den US-Börsen ebenso wie die politische Entwicklung abwarten. "Was machen die USA, wo, wann und wie schlagen sie zu. Das sind die Fragen, die den Markt bewegen und sehr volatil machen", fasste ein Händler in Zürich die Stimmung zusammen. Die Höhe der Liquiditätszufuhr ändere nichts an dem schlechten wirtschaftlichen Umfeld, sagten Analysten in London. Insgesamt hat die Fed allein in diesem Jahr in acht Schritten die Zinsen um 3,5 Prozentpunkte gesenkt. Dies habe bisher noch nicht zu der erwünschten Belebung der US-Wirtschaft geführt, hieß es. "Ich sehe nicht, warum es jetzt helfen sollte und sehe keinen Grund zum kaufen", sagte Petra Matt von der Privatbank Rahn & Bomder in Zürich. "Jeder, der Zweifel an einer Rezession gehabt hat, musste seine Meinung ändern, als das Flugzeug (das World Trade Center) traf", sagte Henry Herrmann von der Fondsgesellschaft Waddell & Reed. Das Ausgabeverhalten der Konsumenten werde von den Anschlägen beeinflusst weiter schwinden.

In New York machten sich aber nach Angaben von Börsenteilnehmern zunächst offenbar die angekündigten Rückkäufe von Aktien durch eine Vielzahl von Unternehmen bemerkbar (siehe Lexikon Seite 18). Bereits am Montag hatten rund 70 Unternehmen Pläne zum Rückkauf eigener Aktien oder die Wiederaufnahme zwischenzeitlich ausgesetzter Rückkaufaktionen angekündigt. Dazu zählten der Chiphersteller Intel, der Getränke- und Nahrungsmittelkonzern Pepsi, die Investmentbank Morgan Stanley, die Computerhersteller Compaq-Hewlett-Packard sowie der Pharmakonzern Barr Labs. Allein Morgan Stanley wollte Aktien für rund eine Milliarde Dollar zurückkaufen.

Weiter unter Druck geriet auch der Dollar. Zwar wurde der Kursrutsch am Vortag an der Wall Street um "nur" sieben Prozent positiv betrachtet, alle Beobachter am Devisenmarkt rechneten jedoch mit weiteren Kursverlusten an der Aktienbörse und deshalb auch mit einer nachgebenden US-Währung im Tagesverlauf. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Mittag auf 0,9256 (Montag: 0,9269) Dollar festgesetzt. Einige Analysten sehen besonders für europäische Währungen Spielraum für Kursgewinne, wenn sich die US-Konjunktur weiter verschlechtern sollte.

Ungeachtet der aktuellen Entwicklung haben die internationalen Börsenaufsichtsbehörden nach Angaben des Bundesaufsichtamts für Wertpapierhandel mit dem Austausch von Informationen begonnen, um zu klären, ob die Urheber der Anschläge in den USA möglicherweise vorher durch Leerverkäufe Kursgewinne realisiert haben. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel teilte am Dienstag mit, die Behörden von zehn bis zwölf Schlüssel-Ländern, darunter Deutschland und die USA, hätten sich am Montag in einer Telefonkonferenz beraten. "Wir haben Ideen über Ereignisse in verschiedenen Märkten ausgetauscht. Es war nur ein Austausch von Ideen", sagte eine Sprecherin des Bundesaufsichtsamts. Belege für Insiderhandel lagen offensichlich nicht vor.

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