Wirtschaft : Börse: Händler stehen unter Schock

Veronika Csizi

Die internationalen Finanzmärkte stehen seit dem 11. September - wie könnte es anders sein - ganz unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA und den möglichen Gegenreaktionen. Erschwerend für die Börsianer kommt hinzu, dass es sich bei den Drahtziehern des Terrors offenkundig um ein Netzwerk handelt, in dem nicht nur Befehlsempfänger, sondern auch hochintelligente Ideengeber arbeiten.

Ein Blick auf den Dax im September zeigt: Das Börsengerücht, beteiligte oder zumindest wissende Personen hätten vor jenem 11. September Aktien der Versicherer und Rückversicherer leer verkauft, um auch noch Profit aus dem Grauen zu ziehen, ist keineswegs abwegig. Beispiel Münchener Rück: Zwischen dem 4. und dem 10. September stiegen die Umsätze in der Aktie extrem an. Der Kurs stürzte von Mitte August bis zum 10. September um knapp 20 Prozent ab, danach bis zum Tief weitere 15 Prozent. Sehr schlechte Nachrichten - mit Ausnahme der generell miserablen Marktverfassung - waren vor dem Terroranschlag nicht im Markt. Hätte man sich das Papier also in den ersten Septembertagen in großer Stückzahl geliehen und verkauft, dann wären am Abend des 11. September beim Rückkauf satte Gewinne möglich gewesen. Noch ermittelt das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe). Das Ergebnis ist ungewiss.

Sicher ist indes, dass der Dax auf den schlechtesten und traurigsten Börsenmonat seit langem zurückblickt. Zwischen dem Hoch zu Monatsbeginn bei knapp 5200 Punkten und dem Tief am 20. September bei 3540 Zählern liegen Entsetzen, Angst und Trauer. In nur drei Wochen wurden Milliarden an Vermögenswerten vernichtet, der Dax um über 30 Prozent gedrückt. Unternehmensdaten spielten keinerlei Rolle mehr, es war eine politische Börse, an der die Panik regierte.

In der letzten Septemberwoche entschlossen sich die Anleger jedoch, wieder zu nüchternen Betrachtungen zurückzukehren. Und seltsam: Trotz der zunehmenden Nachrichten über die schlechten wirtschaftlichen Folgen des Terrors steigen die Aktienkurse seither. Der Dax kletterte um rund 20 Prozent und überwand nachhaltig die 4000-Punkte-Marke. Ein Monatsminus von mehr als 15 Prozent bleibt dennoch.

Während im Monatsvergleich keine einzige Aktie die Gewinnzone erreicht hat, liegt im Wochenvergleich nur noch Infineon im Minus. Im bisherigen Jahresverlauf indes notiert nur noch SAP knapp im Plus. Die Münchener Rück spricht inzwischen vom größten Schaden ihrer Unternehmensgeschichte, der nach jetzigen Schätzungen 2,1 Milliarden Euro kosten wird, also fast zwölf Prozent der Rückversicherungsbeiträge. Trotzdem legte der Kurs in den vergangenen Tagen zu. Auch die Allianz galt vielen Anlegern wohl als überverkauft und hat inzwischen fast die Hälfte ihres 100-Euro-Verlusts wieder gutgemacht. Die Rücknahme der Gewinnerwartungen durch den Vorstand wie durch mehrere Investmentbanken war wohl bereits eingepreist.

Schwer getroffen haben die Anschläge auch die Lufthansa, selbst wenn sie, im Gegensatz zu vielen US-Airlines, nur ihre USA-Flüge für ein paar Tage einstellen musste. Doch die Investoren fürchten die weiter reduzierte Nachfrage nach Transatlantik-Flügen und die hohen Kosten für die nötige Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Die geplanten 700 bis 750 Millionen Euro werde die Fluggesellschaft im operativen Geschäft heuer nicht mehr erzielen können, räumte der Vorstand ein. Skeptiker unter den Anlegern halten sogar Verluste nicht für unmöglich. Der Aktienkurs reflektiert die Unkenrufe allzu deutlich: Mehr als 43 Prozent Minus im September, inklusive jener 20 Prozent Plus, die das Papier in dieser Woche machte.

Nur wenig besser sieht es bei der Preussag aus. Was bislang immer als Kaufargument diente, galt im September als Grund zum Verkaufen: die zunehmende Orientierung hin zum Reisekonzern. Reisen, so heißt es, ist gefährlich geworden in diesen Zeiten. Dass die Ergebnisziele der TUI trotz des Terrors unverändert bleiben sollen, weil ein Großteil des Jahresgeschäfts schon unter Dach und Fach sei, der Reiseschwerpunkt zudem im westlichen Mittelmeer liege, beruhigte die Anleger jedoch wieder: Binnen fünf Tagen legte das Papier wieder um rund 25 Prozent zu.

Wirklich ernst ist es um Infineon bestellt. Nachdem Gerüchte nicht verstummen wollten, das Unternehmen habe massive Liquiditätsprobleme, holte der Halbleiterhersteller aus dem Hause Siemens zum Gegenschlag aus. Um dem massiven Preisverfall im Chipbereich entgegenzuwirken, soll das Kostensenkungsprogramm Impact binnen zwölf Monaten ergebniswirksam eine Milliarden Euro einsparen. 5000 Menschen müssen das Unternehmen verlassen. Die Firmenleitung sprach von der "ernstesten Krise, seitdem Halbleiter verkauft werden". Die Quittung des Marktes: Mehr als 50 Prozent minus binnen eines Monats.

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