Wirtschaft : Börse: Kein fauler Zauber

Daniel Rhee-Piening

Sind Sie Aktionär der Deutschen Telekom und haben die dritte Tranche zu 68,50 Euro gezeichnet, oder sind Sie im Juni 1999 zum Kurs von 80 Euro bei der Kinowelt eingestiegen in der Hoffung, bald nicht mehr arbeiten zu müssen - so wie jener Handwerksmeister, der 5000 Mark in EM.TV investierte und (auf dem Papier!) zum Millionär wurde?

Es wird Ihnen vermutlich anders ergangen sein. Dabei war die Vorbereitung doch gut. Natürlich hatten Sie sich mit der Lektüre von Zeitungen und Büchern fachkundig gemacht. Der Kauf eines Unternehmensanteils - und nichts anderes stellt eine Aktie dar - ist eine Wette auf die Zukunft, haben Sie gelernt. Geht es der Gesellschaft gut, hat die Geschäftsidee Erfolg, geht es mit dem Kurs bergauf und umgekehrt. Die Kurse werden täglich an der Börse festgestellt, auf dem Markt aller Märkte, wo nur Angebot und Nachfrage regieren. Und nun das Desaster. Trotz mancher guter Nachricht stürzen die Kurse ab. Geht dies noch mit rechten Dingen zu, oder sind die Kurse "Zauberei"? Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, nachträglich gibt es immer eine Erklärung.

Das Geschäft findet am Bildschirm statt

Früher traf die meisten Anleger der Schock nur gegen 13 Uhr. Zu diesem Termin wurde ein Kurs festgestellt, der passenderweise auch noch Einheitskurs genannt wurde. Der Kursmakler sammelte in seinem Orderbuch alle Kauf- und Verkaufaufträge zu den jeweiligen Kursen und ermittelte dann einen Preis, zu dem der größte Teil der Aufträge ausgeführt werden konnte. Diese Kursfeststellung gibt es nur noch bei einigen wenigen Papieren. Inzwischen werden Aktien, aber auch die meisten festverzinslichen Anleihen, variabel gehandelt. Es gibt zwar noch den Makler, aber beim variablen Handel wird der zwischen Käufer und Verkäufer vereinbarte Kaufpreis für jedes einzeln abgeschlossene Geschäft mitgeteilt. Der Kurs kann sich demzufolge von Minute zu Minute ändern. Wie am Donnerstag das Beispiel Deutsche Post zeigte, kann ein Wert im Verlaufe eines Tages ohne weiteres fünf Prozent verlieren.

Doch wer nun das Bild der wildgestikulierenden Marktteilnehmer aus alten Filmen vor Augen hat, sei schnell eines Besseren belehrt. Der Großteil des Handels wird über das elektronische Handelsystem Xetra abgewickelt. Der Makler sitzt vor dem Bildschirm. Und auch die Käufer und Verkäufer sitzen längst am Computer. Die Day Trader, die jeden Tag mehrmals kaufen oder verkaufen, handeln über ihre Direktbank via Internet. Sie nehmen als kleine Spekulanten direkt am Marktgeschehen teil. Linde am Morgen für 47,50 Euro gekauft und am Abend zu 48,60 Euro wieder verkauft.

Die großen Spekulanten beteiligen sich seltener an solchen schnellen Tagesgeschäften. Sie entwerfen vorher eine Strategie, und sie können den Markt beeinflussen. Setzen die Analysten der großen Investmentbanken Aktien auf "Marktperformer" oder "Underperformer" auf "kaufen", "halten" und "verkaufen", richten sich Millionen von Anleger in aller Welt danach.

Die großen Akteure haben die Macht, die Marktmeinung zu beeinflussen. Erinnern Sie sich an die Zeit, als jede Fusion, jede Entlassungswelle, von der Börse als positives Zeichen aufgenommen wurde? Historisch ließ sich dies zwar nicht belegen, aber es diente als Erklärung für die Aufwärtsbewegung. Inzwischen argumentieren die Auguren umgekehrt. Die Fusion von Hewlett Packard und Compaq wurde an den Märkten keineswegs bejubelt. "Zwei Kranke ergeben noch nicht einen Gesunden", hieß es. "Bis da Erfolge sichtbar werden, das kann dauern."

Apropos dauern. Dauern darf heute angeblich nichts mehr. Schnell sollen die Marktteilnehmer reagieren. Es werden immer mehr Computer eingesetzt, deren Software immer ausgeklügelter ist. So ist es keineswegs sicher, dass wirklich ein Banker entscheidet, ob 100 000 Daimler-Chrysler-Aktien auf den Markt geworfen werden. Es kann der Computer sein. Er hat als Vorgabe die Inflationsraten, die Zinsentwicklung, das Wirtschaftswachstum in einer bestimmten Region. Werden hier Linien über- oder unterschritten, leuchtet (bildlich gesprochen) der Hinweis auf: "Zyklische Aktien wie beispielsweise Automobilwerte verkaufen!". Die anderen Marktteilnehmer versuchen sich mit Stop-loss-Programmen abzusichern. Unterschreitet der Kurs einer Aktie in ihrem Depot eine bestimmte Grenze, werden die Aktien auf den Markt geworfen. Dann sinkt der Kurs, und beim Nachbarn springt das Stop-loss-Programm an.

Einhalt geboten wird diesem ungebremsten Absturz dann vielleicht durch einen Marktteilnehmer, der seine Aktien leer verkauft. Das geht so: Er hat beispielsweise per Ende September eine Position Bayer-Papiere zu einem bestimmten Kurs angeboten, die er zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch gar nicht besitzt. Nun muss er sich bis zum Monatsende möglichst billig eindecken. Wenn der Kurs in der Zwischenzeit steigt, macht er Verlust.

Und selbst die großen Investmentfonds kaufen oder verkaufen mitunter Aktien, um den Markt zu beeinflussen. Wird der Erfolg des Fonds am Dax gemessen (neudeutsch Bechnmark), kann es sich doch lohnen, den Dax zu drücken. Also wird der Dax zum Quartalstermin nach unten getrieben. Der Index hat dann beispielsweise zum Stichtag 30. September 15 Prozent verloren, der Fonds nur zehn Prozent. So steht es dann im Quartalsbericht, am nächsten Tag ist schon wieder alles anders. Für eine solche Index-Beeinflussung konzentrieren sich die Akteure dann natürlich auf die schweren Dax-Titel. Allianz, Telekom, Daimler-Chrysler oder Siemens, die ein Gewicht zwischen elf und sechs Prozent am Index haben.

Die Börsen versuchen, solche wilden Ausschläge zu dämpfen. Am Frankurter Neuen Markt und an der nur per Computer handelnden US-Technologiebörse Nasdaq wurde beispielsweise ein Market Maker eingeführt. Die Kauf- und Verkaufsorders für ein bestimmtes Papier werden bei einem bestimmten Makler konzentriert. Dieser Market Maker signalisiert seine Handelsbereitschaft durch Nennung von Geld- und Briefkursen, zu denen er bereit ist, eine bestimmt Zahl von Wertpapieren zu kaufen beziehungswiese zu verkaufen. Er ermöglicht auf diese Weise sofortige Abschlüsse und erhöht so die Liquidität des Marktes. Der Market Maker handelt auf eigene Rechnung. Der Unterschied zwischen dem niedrigeren Geld- und dem höheren Briefkurs ist die Verdienstspanne des Market Makers.

Immer wieder extreme Ausschläge

Doch die gehandelten Volumina sind, ähnlich wie es es schon seit Jahren beim Dollar zu beobachten ist, bei vielen Papieren zu groß, um sich gegen eine Trend zu stellen. Es gilt, den Trend zu beeinflussen, was mitunter auch in Chaträumen des Internet oder über Ad-hoc-Mitteilungen geschieht. Und trotz aller Theorie schwingt immer auch ein irrationales Element mit. Es gibt Tage, da finden auch Börsianer nur sehr schwer eine Erklärung für die Kursentwicklung.

Muss man deshalb verweifeln? Werden die Kurse also doch mit Taschenspielertricks beeinflusst, und agieren auf dem Parkett nur Zocker? Der legendäre Berliner Börsianer und Mitgründer der BHF-Bank, Carl Fürstenberg, hat einmal gewarnt und auf die Frage: "Wie mache ich an der Börse ein kleines Vermögen?" geantwortet: "Indem ich ein großes einsetze."

Die Altmeister André Kostolany und Warren Buffet haben ihre eigene Startegie entwickelt. Kostolany riet zu Kauf und anschließendem jahrelangen Tiefschlaf. Dann könne der Anleger von den Gewinnen gut essen gehen. Buffet investiert vorwiegend in Titel von Unternehmen, die er sehr gut kennt oder zumindest zu kennen meint. Mit beiden Strategien kann man sein Risiko vermindern, aber auch der mögliche Gewinn fällt logischerweise geringer aus. Beide haben auf das Wichtigste hingewiesen. Der Anleger braucht Geduld, denn ob sich eine Aktienanlage rechnet, kommt fast immer auf den Zeitraum an.

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