Wirtschaft : Börse: Kommentar: Keine Zeit für Zynismus

Henrik Mortsiefer

Die Börsianer sind mit ihren Weisheiten am Ende. Naht wirklich das Morgengrauen, wenn die Nacht am dunkelsten ist? Das geflügelte Wort der Investoren wird am Kapitalmarkt seit ein paar Tagen ad absurdum geführt: Je häufiger vom Morgengrauen die Rede ist, desto dunkler scheint es auf dem Parkett zu werden. Das Vertrauen in einen neuen Aufschwung schwindet, die Anleger werfen auf den Markt, was sie in ihren Depots noch finden können, und die Indizes durchbrechen eine psychologische Grenze nach der anderen. Hauptdarsteller im Börsendrama sind ungewollt die T-Aktionäre geworden. Sie, die als Volksaktionäre 1996 in das große Börsengeschäft einsteigen wollten, haben am Montag ihre Einstiegskurse wiedergesehen. Ein Debakel. Nur Zyniker, heißt es, können angesichts dieses Ausverkaufs noch zu einer Geldanlage in Aktien raten. Doch bei aller verständlichen Frustration über die Talfahrt der Telekom-, Technologie- und Internet-Aktien sollte nicht vergessen werden, dass die Korrektur einem hysterischen Aufschwung folgt. Es gab eben nie mehr als 100 Prozent Marktanteil - auch nicht für die Dot.Coms. Und niemand kann länger als 24 Stunden im Internet surfen, geschweige denn einkaufen.

Traurig, aber wahr: Selbst die aktuellen Kurse sind noch zu hoch - gemessen an dem wahrscheinlichen Gewinn-Wachstum der meisten Unternehmen. Wirklich günstige Aktien mit Potenzial werden Schnäppchenjäger nur mit Mühe finden. Fragt sich, ob die Suche auch lohnt. Doch so viel ist sicher: Der nächste Innovationsschub wird kommen, der nächste Mega-Markt wird sich auftun. Nur, mit Gewissheit kann heute niemand sagen, wer den Anstoß dazu gib, die Kommunikationsindustrie oder die Biotechnologie oder die Old Economy. Doch wer Teil haben will an einem neuen Aufschwung, der muss wohl oder übel an der Börse engagiert bleiben. Zynisch? So ist das an der Börse.

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