Wirtschaft : Börse setzt keine Hoffnung in den Kanzler

Investoren wollen rasche Umsetzung der Reformen – von Schröders Regierungserklärung versprechen sie sich wenig

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Düsseldorf (som/HB). Den Rücktritt von Oskar Lafontaine am 11. März 1999 hatten die Börsen als Befreiungsschlag gefeiert. Binnen weniger Minuten war der Deutsche Aktienindex (Dax) um gut sechs Prozent auf über 5000 Punkte geklettert. Die Märkte verbanden mit dem Abgang des Saarländers einen Sieg von Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Hoffnung auf weniger Staat und mehr Markt. Gleiches erhoffen sich Fondsmanager und Analysten von der Rede Schröders am Freitag im Bundestag. Doch die Erwartungen, dass es einen „Ruck für Deutschland“ und für den Dax gibt, sind gering.

„Natürlich kann die Rede etwas bewirken, aber das Misstrauen in die deutsche Politik ist tief ausgeprägt. Neben dem Willen zu tief greifenden Reformen müsste vor allem auch eine baldige Umsetzung gegen den Widerstand der Gewerkschaften geschehen, damit der Markt reagiert. Doch unsere Hoffnungen darauf sind sehr gering", sagt DeutschlandStrategist Matthias Jörss von Sal. Oppenheim. Nach Meinung von Marktexperten hat Schröder schon zu oft die Finanzmärkte mit Vorhaben gelockt, die später am Druck der eigenen Fraktion oder der Gewerkschaften scheiterten. „Der Kanzler setzt vielleicht wieder eine neue Kommission ein. Doch die Probleme sind in Deutschland inzwischen so groß, dass eine Rede keine neue Energie für den Dax freisetzen wird“, sagt HSBC-Stratege Volker Borghoff.

Der Versuch etwa, den Kündigungsschutz ein wenig zu lockern, werde keinen „big bang“ auslösen. „Nur ein Regierungswechsel kann Vertrauen, vor allem auch im Ausland, hervorrufen“, meint Borghoff. So gering die Hoffnungen auch sind, so groß sind die Wünsche. „Um die Börse zu bewegen, bedarf es einer klaren Verlagerung der Gewichte mit einer Rückkehr zum Bekenntnis zur Marktwirtschaft. Dazu gehören Entbürokratisierung und die Senkung der Lohnnebenkosten. Steuerentlastungen müssen Hand in Hand mit Ausgabenkürzungen bei der öffentlichen Hand einhergehen, damit nicht später die Ausgaben wieder eingetrieben werden. Denn so etwas honorieren Märkte nicht", sagt Eckhard Bergmann von Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS. Bei einer Reihe von Analysten stößt beispielsweise das Vorhaben Schröders, für die Bauwirtschaft zinsgünstige Kredite in Höhe von 15 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, auf Skepsis. „Das bedeutet noch mehr Staats-Interventionismus“, meint HSBC-Stratege Borghoff. Und wenn die Rede doch den „großen Ruck für Deutschland“ bringt? „Die Märkte warten nicht auf Worte, denn sie wissen, dass Schröder den Bundesrat und die eigene Fraktion hinter sich bringen muss. Investoren werden genügend Zeit haben, die Rede auszuwerten und zu überlegen, ob überhaupt und welche Branchen profitieren. Wegen Schröder wird der Dax am Freitag nicht hochspringen", sieht Sal. Oppenheim-Strategist Jörss keinen Anlass, sich im Vorfeld mit Aktien einzudecken.

Allenfalls der Einzelhandel mit Metro oder Karstadt-Quelle kann nach Meinung von Experten profitieren, wenn Schröder beispielsweise doch noch die Steuerreform auf 2004 vorziehen will. Bei den Konsumwerten könnte es vorübergehend einen positiven Effekt geben. Auch ausländische Investmentbanken hegen keine Hoffnung auf eine rasche Besserung der wirtschaftlichen Lage und Stimmung. Zu lange hat sich herumgesprochen, wie tief die strukturellen Probleme in Deutschland sind. Die Europa-Ausgabe der amerikanischen „Business Week" titelte unlängst „Der Niedergang Deutschlands" und fragte sich ebenso wie Investmentstrategen, ob Deutschland ein zweites Japan werde.

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