Wirtschaft : Börse: Unternehmen am Neuen Markt werden an die Kandare genommen

Die Deutsche Börse nimmt die Unternehmen am Neuen Markt härter an die Kandare. Anfang 2001 wird das Regelwerk für das Marktsegment erweitert. Zugleich werden die Strafen für Zuwiderhandlungen verschärft. Dies kündigte die Deutsche Börse an. In einem schwachen Umfeld geriet der Neue Markt am Mittwoch erneut besonders unter Druck. Die Verluste betrugen zeitweise zehn Prozent.

Die Erweiterung des Regelwerks soll die Transparenz für Anleger verbessern, betonte Börsen-Vorstand Volker Potthoff in Frankfurt (Main). Der Chef des Neuen Marktes wies aber auch darauf hin, dass die Börse "weder sinkende Kurse noch Fehlverhalten von Emittenten verhindern" könne. Nach dem neuen Regelwerk gibt es vom 1. März an eine Meldepflicht für den Kauf oder Verkauf von Unternehmensaktien durch das Unternehmen selbst sowie dessen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder. Zuwiderhandlungen können mit Abmahnungen, Strafgebühren oder einer Streichung vom Neuen Markt geahndet werden. Bereits vom 1. Januar an gelten zudem schärfere Auflagen für die Quartalsberichte der Unternehmen. Einheitliche Darstellung von Kennziffern, die Bilanz für den Berichtszeitraum sowie der Aktienbesitz von Mitgliedern des Managements gehören danach zu den Pflichtangaben.

Die Deutsche Börse reagiert damit auf das Debakel am Neuen Markt. Das im März 1997 gestartete Segment mit derzeit 336 Werten hatte Anlegern vor allem im laufenden Jahr zunächst mit enormen Kursanstiegen hohe Gewinne beschert, war dann aber ebenso rasant eingebrochen. Erste Pleiten, eklatante Fehlprognosen vieler Firmen sowie möglicherweise kriminelle Machenschaften brachten den Neuen Markt binnen kurzer Zeit in Verruf.

Der die 50 größten Wachstumswerte umfassende Nemax-50-Index brach am Mittwoch auf ein Rekordtief ein. Nach einem Tiefstand von 2728 Punkten lag der Index gegen 17 Uhr bei 2818 Punkten. Das bedeutete gegenüber dem Vortag ein Minus von knapp neun Prozent. Der alle Werte umfassende Nemax-All-Share verlor acht Prozent auf 2710. Die jüngten Verluste an der US-Technologiebörse Nasdaq, die am Vortag gut vier Prozent einbüßte, erklärten alleine nicht, warum der Neue Markt so stark eingebrochen sei, sagte ein Händler. "Die Anleger verkaufen Haus und Hof, und die Schwergewichte des Marktes sind so schwach, dass sie den Index nach unten ziehen."

Am Vorabend hatte US-Notenbankchef Alan Greenspan die Erwartungen mancher Börsianer auf eine Senkung der US-Leitzinsen noch nicht erfüllt, aber überraschend deutlich auf die Gefahr einer starken Abschwächung des amerikanischen Wirtschaftswachstums hingewiesen. Diese Warnung habe die ohnehin verunsicherten Anleger am Wachstumssegment noch nervöser gemacht, sagte ein Händler.

Die Nasdaq reagierte im frühen US-Handel auf die Äußerungen der Notenbank mit weiteren Kursabschlägen. Zusätzlicher Stimmungsdämpfer waren Händlern zufolge die Gewinnwarnungen einiger US-Unternehmen nach Börsenschluss vom Dienstag. Der US-Technologieindex Nasdaq Composite, der am Vortag bereits auf den niedrigsten Stand des Jahres gefallen war, sank im frühen Handel am Mittwoch nochmal um vier Prozent auf 2410 Punkte. Der Dow-Jones-Index verlor 1,3 Prozent auf 10 444 Punkte. Die Tatsache, dass erneut die Technologiewerte deutlich stärker als die Firmen der Old Economy unter Druck gerieten, führten die Experten auf Bedenken wegen der Gewinnsituation zurück. Nicht wenige frühere Börsenlieblinge hätten in letzter Zeit Gewinnwarnungen veröffentlicht. Merrill Lynch stufte nun sogar die Aktie des Netzwerkausrüsters Cisco Systems von "Kaufen" auf "Akkumulieren" herab.

Die Stimmung am Markt ist nach Händlerangaben von großer Nervosität geprägt. Da es an eigenen Impulsen fehle, orientierten sich die deutschen Aktien stark an der Entwicklung in den USA, hieß es. Nach Ansicht eines Händlers habe der Nemax All Share in diesem Jahr noch ein Abwärtspotenzial auf 2200 Zähler.

Auch die Standardwerte verloren, wenn auch weniger stark. Der Deutsche Aktienindex (Dax) rutschte um 2,4 Prozent ab. Technologiewerte wie SAP, Epcos, Infineon und Siemens brachen um fünf bis acht Prozent ein. Der "schlechten Stimmung" am Markt könne sich keiner mehr entziehen, sagte Fidel Helmer, Händler bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers. Das Marktumfeld in Deutschland sei mit einem steigenden Euro, einem unerwartet schnell wieder unter 30 Dollar je Barrel gesunkenen Ölpreis und Diskussionen über mögliche Zinssenkungen zwar grundsätzlich gut. Trotzdem könne eine Richtungsänderung im Aktienhandel "nur aus den USA" kommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben