Börse : VW-Skandal - Was man beim Aktienkauf nun wissen muss

Neue Enthüllungen zu den Manipulationen bei Volkswagen reißen nicht ab. Die wichtigsten Antworten zu der VW-Aktie im Überblick.

Rolf Obertreis
Die VW-Aktie rutschte vom Jahres-Höchststand von 262 Euro bereits deutlich auf nur noch 168 Euro ab.
Die VW-Aktie rutschte vom Jahres-Höchststand von 262 Euro bereits deutlich auf nur noch 168 Euro ab.Foto: Reuters

Die Betrügereien bei Volkswagen waren und sind nicht nur für den Wolfsburger Konzern ein Schock, sondern für die gesamte Branche. Auch die Aktionäre vor allem von VW, Audi und Porsche, aber auch von Daimler, BMW und von Zulieferern wie Continental, Hella, Leoni oder Rheinmetall hat der Skandal zunächst heftig getroffen. Aber bis auf VW haben sich fast alle Werte wieder vom Tiefschlag erholt. Von ihren Jahreshöchstständen sind die Autoaktien freilich noch weit entfernt. Verkaufen? Halten? Und wieder kaufen? Die Entscheidung ist nicht einfach. Aber wirklich düster, sagen Experten, sieht es nicht aus.

Wie hat sich der Kurs der VW-Vorzugsaktie seit der Aufdeckung des Skandals entwickelt?

Mitte September hatte das Papier gegenüber dem Jahres-Höchststand von 262 Euro bereits deutlich auf nur noch 168 Euro verloren, auch aufgrund der Streitereien zwischen Ex-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech und dem damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn. Nachdem VW die Tricksereien eingeräumt hatte halbierte sich der Kurs auf gut 86 Euro. Aktuell sind es wieder 99 Euro.

Kann man jetzt wieder einsteigen und die Aktie kaufen?

Händler und Analysten sind eher geteilter Meinung. Die Dimensionen des Skandals sind längst nicht abzusehen. Jetzt sollen auch Fahrzeuge des Modelljahrgangs 2016 betroffen sein. Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler, einer der renommiertesten Kenner der Branche, empfiehlt bereits wieder den Kauf der Aktie mit Kursziel von 120 Euro. Der Nebel um VW habe sich verzogen, auch wenn ein gewisses Risiko neuer negativer Nachrichten bestehe.

Was spricht prinzipiell für die VW-Aktie?

Pieper rechnet mit Belastungen aus dem Skandal für Rechts-, Schadensersatz- und Umrüstungskosten und für Absatzeinbußen von etwa 50 Milliarden Euro. Zugleich verfüge VW über flüssige Mittel von 30 Milliarden Euro und könne Teile des Unternehmens verkaufen. Etwa die Lkw-Sparte, die ohnehin nicht passe. Allein deren Wert taxiert Pieper auf 30 Milliarden. Absatzeinbußen seien bislang erstaunlich gering, die Nachfrage sei sogar weitgehend stabil. Sogar in den USA sei das Geschäft nicht eingebrochen.

Was spricht gegen einen Kauf?

An der Börse zieht man da die Küchenschaben-Theorie heran, Wo eine Schabe ist, müssten noch mehr sein. Der Skandal mit den Diesel-Modellen dürfte demnach kein Einzelfall gewesen sein. VW hat womöglich noch mehr Leichen im Keller. Die Erholung des Kurses sei eher ein Warnzeichen. Außerdem sei US-Großinvestor Warren Buffett noch nicht bei VW eingestiegen, heißt es bei anderen. Das sei immer ein gutes Zeichen. Wichtiger: Die Rating-Agenturen haben VW deutlich abgestuft, Fitch auf nur noch BBB+. Danach sind VW-Papiere nur noch eine durchschnittlich gute Anlage. Und der Ausblick bleibe negativ. Zudem ist der weltweite Absatz im Oktober um mehr als fünf Prozent zurückgegangen.

Wie sieht es mit anderen Auto-Aktien aus?

Gerade hat das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) auch Diesel-Pkw von BMW, Mercedes und Smart unter die Lupe genommen und zum Teil erhöhte Stickoxid-Werte festgestellt. Details sind noch nicht bekannt. Das KBA spricht erst mit den Herstellern. Generell dürften die Abgas-Vorschriften noch schärfer gefasst werden, was hohe Investitionen nach sich ziehen würde. Und/oder dazu führen würde, dass noch mehr Geld in Elektrofahrzeuge gesteckt werden müsste. Das würde BMW und Mercedes belasten.

Trotzdem kaufen?

Warum nicht, sagen Analysten wie Pieper. Mercedes sei im Zusammenhang mit der Affäre bislang nie zur Sprache gekommen. BMW habe offenbar auch kein Problem. Beide würden davon profitieren, dass sich Kunden von VW, Audi, möglicherweise auch Porsche ab- und den Konkurrenten aus Stuttgart und München zuwenden. Die BMW-Aktie stand Mitte September bei 88 Euro, ist dann runter auf 75 und aktuell wieder auf  97 gestiegen, gleichwohl weit entfernt vom Jahres-Hoch von 124 Euro. Daimler ist nach der Aufdeckung des VW-Skandals zunächst von gut 75 auf rund 63 Euro abgerutscht, dann wieder auf aktuell gut 77 gestiegen. Das Jahres-Hoch liegt bei 96 Euro.

Wie steht es mit den Zulieferern?

Die dürfen, sagt Pieper, dürften vom Skandal eher profitieren. Schließlich müsse VW Millionen Fahrzeuge umrüsten. Auch beim Zwang, die Autos noch umweltfreundlicher zu machen und mehr Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen sind die Zulieferer und ihre Innovationskraft gefragt. Die sei groß, sagt Pieper und verweist etwa auf Hella. Innovationswellen in der Autoindustrie dürften sich in den nächsten Jahren auch für Investoren auszahlen, glaubt er. Zafer Rüzgar, Branchenkenner von Independent Research, empfiehlt den Kauf der Aktie von Continental.

Wie trifft der VW-Skandal Belegschaftsaktionäre?

Auch sie sind von den Kurseinbußen betroffen, die möglicherweise etwas weniger heftig sind, weil die Mitarbeiter damit auch an das Unternehmen werden sollen und sie die Papiere deshalb zu Vorzugskonditionen bekommen haben. In der Regel dürfen sie die Aktien im Gegenzug erst nach mindestens fünf Jahren verkaufen. Insofern müssen sie die Verluste erst einmal hinnehmen und hoffen, dass der Kurs wieder steigt, bis sie sich von den Papieren trennen können.

Können VW-Aktionäre klagen und Schadensersatz verlangen?

Im Prinzip ja. Nach Angaben der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) muss aber erst der Sachverhalt eindeutig geklärt sein. Hat sich VW überhaupt schadensersatzpflichtig gemacht, etwa dadurch, dass der Konzern zu spät über den Diesel-Skandal informiert hat? Zeit für Klagen bleibt bis mindestens Frühjahr 2016. Unklar ist auch, welche Aktionäre klagen könnten. Möglicherweise trifft das auch auf die zu, die die VW-Aktie bereits Mitte 2008 besaßen, als die Manipulationssoftware in die Fahrzeuge eingebaut wurde. Sollte es zu Klagen kommen, wird sich ein mögliches Verfahren - Beispiel Telekom - über Jahre hinziehen. Und das Ergebnis ist offen. Sicherer Gewinner dabei wären nur die Rechtsanwälte.

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