Wirtschaft : Börse: Zwiespältige Freude über Euro-Stärkung

Rainer Hank

Dir Freude ist geteilt. Wenn der Euro am Montag - wenigstens zeitweise - ein Dreimonatshoch von 89 Cent erreichte, mögen all jene jubeln, die seit Wochen die unterbewertete Gemeinschaftswährung beweinen. Tatsächlich gibt es Zeichen dafür, dass der Tiefpunkt hinter uns liegt und die Trendwende für den Euro geschafft ist. Der Jubel wird freilich leiser, blickt man auf die Gründe für die keimende Euroerstarkung: Zum Dämpfer für das US-Wachstum im dritten Quartal kommen jetzt weitere negative Konjunkturindikatoren. Die Lust der Amerikaner auf Konsum ist so gering wie seit fünf Jahren nicht mehr - und das in der Vorweihnachtszeit, wo üblicherweise gerne - und, wenn es sein muss, auf Pump - Geld ausgegeben wird. Kein Wunder, dass jetzt die ersten Stimmen von einer Rezession unken.

Wie ernst die Lage wirlich ist, darüber verspricht eine Rede von Notenbankchef Alan Greenspan heute in New York Aufschluss zu geben. Es könnte sein, dass die Zeiten einer restriktiven Zinspolitik langsam zu Ende gehen. Doch ob die Fed jetzt bereits gegensteuert, darf bezweifelt werden. Gewiss, alle wollen die weiche Landung. Doch angesichts anhaltend hoher Ölpreise und einem leer gefegten Arbeitsmarkt in den USA ist das Thema Inflation lange noch nicht vom Tisch. Und überhaupt: Was heißt hier Abkühlung? Selbst die neuesten Dämpfer lassen für die USA ein Wachstum zwischen zwei und drei Prozent erwarten. Wer will in dieser Normalisierung nach hitzigen Zeiten schon Gefahren wittern? Das wirft Europa wieder auf sich selbst zurück. Es wäre auch allzu billig - und auch gefährlich -, eine Erholung des Euro allein auf Kosten der US-Konjunktur zu erhoffen. Ohnehin belehrt der Blick auf die darbenden Aktienmärkte, dass sich Europa nicht von der amerikanischen Abkühlung abkoppeln kann. Oder anders gesprochen: Die Investoren werden erst dann nachhaltig für den Euro votieren, wenn sich dort ein eigenes Wachstumspotenzial zeigt. Das erste Signal dazu muss vom Gipfel in Nizza ausgehen.

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