BÖRSEN Ausblick : Experten erwarten weitere Kursstürze

Rolf Obertreis
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Fast 1400 Punkte hat der Dax in der vergangenen Woche verloren – ein Absturz um mehr als 20 Prozent. Die Finanzkrise hat der Börse eine der schwärzesten Wochen in ihrer Geschichte beschert. Börsianer, Banker und Analysten sind ratlos wie selten zuvor und machen klar: Das war es wahrscheinlich noch nicht. Aktienhändler Dirk Müller, selbst ernannter Mister Dax und auch in diesen Tagen das Gesicht der Börse, sieht das Ende der Talfahrt noch nicht gekommen: „2003 ist der Dax fast bis auf 2100 Punkte abgerutscht. Da sind wir noch nicht.“

Auch Carsten Klude, Aktienstratege beim Bankhaus M.M. Warburg, kann noch keine Trendwende erkennen. Viele hätten realisiert, dass die Finanzkrise nicht auf Banken beschränkt bleibe. Einige Unternehmen würden die Krise nicht überleben. Wie tief es noch mit Kursen gehen könne, sei schwer zu sagen. „Weitere Abwärtsrisiken sind vorhanden.“

Die zeigen sich nicht unbedingt in harten Fakten. Neue Bankenpleiten hat es jedenfalls in den letzten Tagen nicht gegeben, abgesehen von den Problemen mit den Banken in Island. Und renommierte Unternehmen wie BASF, Bayer oder Siemens haben zuletzt keine schlechten Nachrichten verbreitet. Im Gegenteil: Die Geschäfte laufen noch rund. Auch der Ölpreis ist nach seinem Sturz von fast 150 Dollar im Juli auf unter 80 Dollar pro Fass kaum noch ein Risiko, weder für die Börse noch für die Konjunktur. Auf diesem Niveau und in dieser Phase ist der Ölpreis eher eine Stütze für die Konjunktur.

Die Abwärtsrisiken für die Börse machen sich vor allem an Misstrauen und Panik fest. „Die Indikatoren zeigen mittlerweile die größte Panik seit der letzten Bankenkrise und der Rezession in den USA in den Jahren 1990 und 1991“, sagt Andreas Hürkamp von der Commerzbank. Fast 61 Prozent der US-Privatinvestoren seien derzeit pessimistisch. „In der Vergangenheit waren das regelmäßig Signale für eine Beruhigung an den Aktienmärkten.“ Diesmal scheint dieser Rückschluss falsch zu sein. „Angesichts der derzeitigen Verwerfungen an den Weltbörsen sollten auch die Kurse in den kommenden Wochen noch erheblich unter Druck bleiben“, meinen die Experten der DZ-Bank. Auch Markus Reinwand, Aktienstratege der Helaba, ist unsicher. Der Ausverkauf an der Börse sei zwar ausgesprochen weit gediehen, und das Erholungspotenzial sei nach solchen Phasen erfahrungsgemäß besonders hoch. Ein weiteres Abrutschen der Kurse will aber auch er nicht ausschließen.

„In einem von Panik geprägten Umfeld finden fundamentale Argumente wenig Gehör“, weiß Reinwand. Konsequenz: Die Helaba hat ihre Prognose für den Dax deutlich reduziert: Von 6800 auf nur noch 5400 Punkte zum Jahresende. Trifft sie ein, hätte der Aktienmarkt in diesem Jahr knapp 33 Prozent verloren. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Lage und Stimmung wäre das noch fast glimpflich zu nennen.

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