BÖRSEN Ausblick : Virus mit Potenzial

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Frankfurt am Main - So trübe wie das Wetter ist derzeit die Stimmung auf dem Börsenparkett. Das gilt längst nicht mehr nur für den Blick auf Aktien. Auch die als sicherer Hort gepriesenen Bundesanleihen verlieren ihren Glanz. Am Mittwoch scheuten Investoren so ausgeprägt wie selten zuvor die Zeichnung einer neuen, über zehn Jahre laufenden Bundesanleihe. Dabei spielte natürlich auch der niedrige Zins von weniger als zwei Prozent eine Rolle. Aber das war bislang kein Hinderungsgrund. Den Investoren dämmert, dass auch Deutschland auf einem hohen Schuldenberg sitzt, auf den die Bundesregierung im nächsten Jahr weitere 26 Milliarden Euro draufpackt.

Und dann droht die Gefahr, dass Deutschland auch für Schulden anderer Euro-Staaten mitzahlen muss – für die angeschlagenen Länder ist das die letzte Rettung. Wenn sich Deutschland frisches Geld borgen will, muss es künftig Investoren auch höhere Zinsen zahlen. Was die Schulden weiter in die Höhe treibt.

Auch dieser Vorgang zeigt: Die nach wie vor ungelöste Staatsschuldenkrise dominiert das Geschehen an den Finanzmärkten. Daran wird sich vorerst wenig ändern. Die Folge: Auch der Deutsche Aktienindex Dax taumelt weiter. In den vergangenen Tagen stand er mit zeitweise weniger als 5500 Punkten wieder so tief wie zuletzt Ende September. Am Freitab erlebte der Index den ersten Zuwachs nach neun Minustagen. „Inzwischen wirkt sich die Krise massiv auf die Unternehmen aus. Die Gewinnschätzungen sind zunehmend in den Sinkflug übergegangen“, hat Christian Kahler von der DZ Bank beobachtet. Diese Entwicklung wird auch nicht dadurch gebremst, dass der Ifo-Geschäftsklima-Index im November überraschend gestiegen ist und sich die 7000 befragten Unternehmen erstaunlich wenig Sorgen um die Zukunft machen. Auch die Tatsache, dass die Dividenden der 30 Dax-Firmen für 2011 noch einmal um vier Prozent auf 27 Milliarden Euro steigen, wie Andreas Hürkamp von der Commerzbank vorrechnet, lockt kaum Aktienkäufer an den Markt.

Der Investitionsstopp bei der Lufthansa und die Insolvenz beim Druckmaschinenhersteller MAN Roland signalisieren die Richtung: Die Schuldenkrise kommt allmählich in der Realwirtschaft an. „Sicherheit bleibt vorerst Trumpf. Mit einer durchgreifenden Erholung der Aktienmärkte ist wohl erst ab Frühjahr 2012 zu rechnen“, sagt Markus Reinwand von der Helaba.

Trotzdem gibt es noch Optimisten, die dem Dax sogar noch in diesem Jahr einiges zutrauen. Der Grund: die extrem niedrige Bewertung. „Es gibt Unternehmen, die haben mehr Geld in der Kasse als der Wert, zu dem sie an der Börse gehandelt werden. Und das bei einem überzeugenden Geschäftsmodell", weiß Tim Albrecht von der Deutsche Bank-Fondsgesellschaft DWS. Das Desinteresse an Aktien sei derzeit so groß wie nie. Und dies, obwohl Anleger eigentlich auf genug Geld sitzen und selbst deutsche Staatsanleihen nicht mehr uneingeschränkt in Betracht gezogen werden. „Die nächsten Wochen werden volatil bleiben“, prognostiziert Albrecht. Und schließt doch nicht aus, dass der Dax noch in diesem Jahr bis auf 6300 oder gar 6400 Punkte steigen könnte.

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