Wirtschaft : Börsen-Experten befürchten Anhalten der Flaute

Konjunkturschwäche und Kriegsangst belasten die Kurse – Deutsche Aktien verloren seit Juni mehr als ein Viertel ihres Wertes

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Berlin (brö/os). Von den Rückschlägen der vergangenen Tage und Wochen konnten sich die Börsen am Mittwoch nicht erholen. Bis Handelsschluss behauptete sich der deutsche Aktienindex Dax bei 3425 Punkten zwar mit einer Verbesserung um 0,8 Prozent knapp im Plus. Aber: „Die Großwetterlage hat sich nicht geändert, die Stimmung ist schlecht“, sagte ein Frankfurter Händler. In den vergangenen drei Monaten hat der Dax damit mehr als ein Viertel seines Wertes verloren, gegenüber dem Stand von vor sechs Monaten war es sogar mehr als ein Drittel.

Schuld an der Kapitalvernichtung sind mehrere Faktoren. Die Börsianer haben vor allem das Vertrauen in die Konjunktur verloren. Nachdem es noch im Frühjahr Aussichten auf einen baldigen Aufschwung gab, zeigten zuletzt alle wichtigen Konjunkturindikatoren nach unten. Und ohne Aussicht auf bessere Geschäfte lassen sich Fonds, Banken und Privatanleger nicht dazu bewegen, ihr Vermögen in Aktien umzuschichten.

Hinzu kommen die zahlreichen Bilanzschocks. Zuerst Enron, anschließend Worldcom, AOL, Global Crossing und viele weitere schönten ihre Zahlen und erschütterten in Amerika das Vertrauen der Händler. Weil die New Yorker Börsen den Markt in Frankfurt stark beeinflussen, stürzten auch in Deutschland die Kurse. Schließlich vermiest noch die latente Kriegs- und Terrorangst die Laune. Ein Konflikt am Golf oder neue Attentate hemmen die Entwicklung und könnten zudem den Ölpreis treiben, fürchten Investoren – und flüchten lieber in sichere Anlagen.

Aus der Sicht der Charttechniker – Börsenexperten, die ihre Erkenntnisse aus dem Verlauf der Kurse sowie technischen Marktindikatoren gewinnen – befinden sich die Börsen seit dem Zwischenhoch im März in einem sich beschleunigenden kurzfristigen Abwärtstrend. Die nebenstehende Dax-Grafik zeigt eine steile Gerade, an der sich die Kursentwicklung gleichsam aufhängt. Für Uwe Wagner, Chef-Charttechniker der Deutschen Bank, zeigt der immer steilere Abfall, dass die Nervosität und die Abgabebereitschaft der Anleger deutlich zugenommen hat.

Technische Indikatoren, die die Dynamik eines Trends messen, bestätigen dies. Sie erreichten im Juli Höchststände. Zwischenzeitliche Erholungen waren nur kurz. Charttechniker sprechen von technischen Gegenreaktionen, die jeden Trend begleiten, ohne ihn in Frage zu stellen. Die letzte Erholung vorvergangene Woche, die den Charakter einer Rallye trug, hatten Charttechniker indes als Chance auf Stabilisierung bezeichnet. In den letzten Tagen ging es aber wieder bergab, was die Gefahr erhöht, dass sich der Abwärtstrend wieder durchsetzt. Dafür spricht, dass der Dax es nicht geschafft hat, die Abwärtstrendlinie nach oben zu durchbrechen. Experten raten Anlegern zur Vorsicht. Denn die Börsen befinden sich seit Mitte 2000 in einem übergeordneten mittelfristigen Abwärtstrend. Erst wenn dieser durchbrochen ist, wird aus dem Bären- ein Bullenmarkt.

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