• Börsen in Lateinamerika: Ein Eldorado für Glücksritter: Nichts für Kleinanleger mit schwachen Nerven

Wirtschaft : Börsen in Lateinamerika: Ein Eldorado für Glücksritter: Nichts für Kleinanleger mit schwachen Nerven

Carl D. Goerdeler

Die Börse von Sao Paulo hat 1999 um fast 100 Prozent zugelegt. Die 58 nordamerikanischen Latino-Fonds konnten durchschnittliche Gewinne von 30 Prozent ausschütten. 1998 war das noch anders. Damals stürzten sie um 24,5 Prozent ab. Wer starke Nerven hat und genügend Spielgeld, der mag sich auf dem Parkett der Börsen von Sao Paulo, Mexiko oder Buenos Aires umsehen und traumhafte Gewinne einstreichen; er kann aber auch kräftig auf die Nase fallen.

Lateinamerikas Börsen sind nichts für Kleinanleger mit schwachen Nerven. Die grossen internationalen Fonds oder beispielsweise die nordamerikanischen Pensionskassen führen natürlich lateinamerikanische Wertpapiere in ihrem Portofolio - doch aus Gründen der Risikostreuung übersteigt der Anteil kaum mehr als zehn Prozent. Das Vertrauen in die lateinamerikanischen Finanzmärkte hält sich in Grenzen, was in den Länder-Ratings deutlich zum Ausdruck kommt. So lange liegt es ja nicht zurück, dass Mexiko Anfang 1995 mit einer 18-Milliarden-Nothilfe vor dem Konkurs bewahrt werden musste und Brasilien im Januar 1999 den Real radikal abwerten musste und der ganze Subkontinent eine Talfahrt antrat.

Seither hat sich Lateinamerika ökonomisch einigermassen berappelt - doch die Abhängigkeit vom Kapitalimport bleibt die Achillesferse so gut wie aller Volkswirtschaften südlich des Rio Grande. Hat Wall Street den Schnupfen, droht südlich des Rio Grande eine Lungentzündung, sagen die Börsianer. Die Börsen in Lateinamerika sind nicht das Spiegelbild der Volkswirtschaften sondern allenfalls Stimmungsbarometer einer kleinen Gruppe von Anlegern.

Noch vor zwei, drei Jahrzehnten hätte man die Broker von Rio de Janeiro oder Sao Paulo in einem Salon bequem versammeln können. Südlich des Rio Grande gab es so gut wie keine Marktwirtschaft - der Staat besass so gut wie alle wichtigen Unternehmen, und wenn er sie nicht besass, so lenkte er den Rest. Heute ist das anders. Auch die Unternehmen in Lateinamerika müssen sich der globalen Konkurrenz stellen - Vater Staat päppelt sie nicht mehr durch.

Die Zeit, da die Regierung zur Notenpresse griff, um Geld zu drucken oder Staatspapiere zu verschleudern, ist vorbei. Mit der Sanierung der maroden Staatsfinanzen und der Öffnung der Märkte wurde Lateinamerika für Direktinvestitionen und für Anlagekapital interessant. Hinzu kam, dass sich der Staat aus der Wirtschaft zurückzog und sein "Tafelsilber" privatisierte - eine Welle von Direktinvestitionen schwappte über Lateinamerika herein. Doch auch die Börsen und Banken profitierten von der Öffnung und den hohen Zinssätzen. Doch nach wie vor decken die lateinamerikanische Unternehmen zu 90 Prozent ihren Kapitalbedarf nicht an der Börse.

Dabei ist der Börsenhandel auf vergleichsweise wenige Titel - meist Unternehmen aus den Bereichen Telekommunikation, Energie, Bergbau, Banken und Maschinenbau - konzentriert. So entfällt an normalen Handelstagen die Hälfte des Umsatzes an der Börse von Sao Paulo auf ein Dutzend Unternehmen. Die Marktkapitalisierung weist einen hohen Konzentrationsgrad auf. Auf die zehn grössten Unternehmen Lateinamerikas entfällt rund ein Viertel der gesamten Marktkapitalisierung! Trotz des deutlichen Anstiegs der Börsenkurse in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Anzahl der börsennotierten Unternehmen kaum erhöht.

Im Übrigen: Wer in Lateinamerika über ein ansehnliches Vermögen verfügt, der legt es nicht an der Börse an - jedenfalls nicht an der heimischen. "Otto Normalverbraucher" aber hat keinen Groschen übrig; das Sparschwein ist in Lateinamerika durch jahrelange chaotische Geldpolitik geschlachtet worden. In Lateinamerika wird prozentual und pro Person nicht einmal halb so viel gespart wie in Asien.

Natürlich beobachtet man auch in Sao Paulo oder Mexiko gespannt die Entwicklung der "neuen Märkte"; aber selber haben die Latinos hier noch wenig zu bieten. Wenn die eignen Banken schon zögern, selbst eingeführten Unternehmen Kredite einzuräumen, so werden sie noch weniger bereit sein, jungen High-Tec oder Dotcom-Unternehmern eine Anschubfinanzierung zu geben oder diese Unternehmen gar an die Börse zu bringen.

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