Börsen : Schwarzer Donnerstag

Japans Börse stürzt um mehr als sieben Prozent ab und reißt die Aktienmärkte in Europa und in den USA in die Tiefe – Ökonomen warnen vor den Folgen der „Abenomics“.

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Absturz. Die Börse in Tokio brach am Donnerstag um mehr als sieben Prozent ein. Foto: Reuters
Absturz. Die Börse in Tokio brach am Donnerstag um mehr als sieben Prozent ein.Foto: Reuters

Berlin - Je höher die Aktien steigen, desto kürzer werden die Röcke, sagte der US-Ökonom George Taylor 1926 . Die japanische Girlband „Michi no Kado“ hat Taylor beim Wort genommen: Sie versprach, dass ihre Röcke bei jedem Auftritt kürzer werden, wenn der japanische Aktienindex Nikkei weiter steigt. Seit Donnerstag zeigen die vier Mädchen, die lieber über den Yen-Kurs als über die Liebe singen, wieder weniger Bein. Nach einem Plus von rund 50 Prozent seit Jahresanfang rutschte der Nikkei um mehr als sieben Prozent oder gut 1100 Punkte auf 14 483 Zähler ab – der größte Tagesverlust seit der Katastrophe von Fukushima.

Als Auslöser für die Verkäufe machten Börsianer schwache Wirtschaftsdaten in China aus. So fiel der Konjunkturindex der Einkaufsmanager aus der chinesischen Industrie im Mai zum ersten Mal seit sieben Monaten unter die Marke von 50 Zählern, die Wachstum signalisiert. Außerdem hatte US-Notenbank-Chef Ben Bernanke am Mittwochabend betont, an der ultralockeren Geldpolitik festzuhalten. Jedoch hatte er hinzugefügt, dass das Wertpapierankaufprogramm der Fed „auf einer der nächsten Sitzungen“ gedrosselt werden könnte, sollte sich die US-Konjunktur bessern. Nach dem Kurssturz in Japan sackten auch die Börsen in Europa und in den USA ab. Der Dax verlor zeitweise mehr als 2,7 Prozent; die Gewinne aus sieben Handelstagen schmolzen binnen Minuten. Er schloss 2,1 Prozent niedriger bei 8351 Punkten.

„Am Donnerstag hat die Blase, die die Abenomics im Kapitalmarkt erzeugt hat, die ersten Risse gezeigt“, sagte der japanische Ökonom Keiichiro Kobayashi dem Tagesspiegel. „Abenomics“ nennen die Japaner die Politik von Ministerpräsident Shinzo Abe. Eine lockere Geld- und Fiskalpolitik kombiniert mit großzügigen Staatsausgaben: Abe nannte diese Strategie seine „Drei Pfeile“. Nach einem japanischen Sprichwort können diese, wenn sie gemeinsam eingesetzt werden, nicht brechen. Abe verfolgt zwei Ziele: Zum einen soll Japan aus der Spirale der Deflation herausfinden, in der sich das Land seit den 90er Jahren befindet. Zum anderen soll der Yen stark an Wert verlieren und so den Export ankurbeln. Bislang zeigte Abes Rezept Wirkung. Die Börse boomt und die Wirtschaft wächst. Das Bruttoinlandsprodukt Japans stieg im vergangenen Quartal um 0,9 Prozent. Der Enthusiasmus der Japaner erreichte sogar die USA. So rief kürzlich das „Wall Street Journal“ die EU auf, sich an Japan ein Beispiel zu nehmen, um die Euro-Krise in den Griff zu bekommen.

Doch immer mehr Ökonomen blicken mit Skepsis auf Abes Politik. Auch die Prognose von Keiichiro Kobayashi fällt negativ aus: „Es war einfach für die Regierung, die aggressive Geldpolitik in die Gänge zu bringen. Doch Abe scheint keine passende Ausstiegstrategie zu haben. Das könnte mittelfristig zu enormen Problemen führen“, sagt der Ökonom. Japan sitzt auf einem riesigen Schuldenberg: Der IWF schätzt, dass bis Ende des Jahres die Staatsverschuldung auf 245 Prozent des BIP steigen wird. Bislang war dies kein Problem, denn etwa 90 Prozent dieser Schulden sind in japanischer Hand. So blieben die Zinsen auf Staatspapiere relativ niedrig. Doch je gewagter Abes Finanzpolitik wird, desto unruhiger werden die Anleger. Sollten die Zinsen in die Höhe schießen, würde das Land pleitegehen, warnte jüngst ein japanischer Topbanker.

„Wie das System schnell zu einem Teufelskreis werden kann, sieht man an der Reaktion der japanischen Nationalbank (BOJ) vor dem Kurssturz“, sagt Kobayashi. „Um den Turbulenzen am Finanzmarkt entgegenzuwirken, wird die BOJ noch mehr Anleihepapiere kaufen – unter anderem auch Papiere mit hohem Risiko.“ So wachse die Blase. In zwei, drei Jahren, wenn der Staat auf einem riesigen Anleihenberg sitze, könne das ganze System kollabieren. „Das würde furchtbare Konsequenzen haben“, sagt der Ökonom.

Kobayashi warnt deshalb auch davor, die „Abenomics“ als Heilmittel für die Euro-Krise zu empfehlen. „Abe scheint der Meinung zu sein, dass man allein mit Geldpolitik ein starkes Wirtschaftswachstum schaffen kann. Das stimmt leider nicht. Was Japan – und auch viele Länder in Europa – brauchen, sind eine strenge Fiskalpolitik und strukturelle Reformen.“

Die Japaner blicken einstweilen nach einer langen Phase der Unsicherheit nach der Fukushima-Katastrophe optimistisch in die Zukunft. Der Binnenmarkt boomt – sogar der Immobilienmarkt, der nach der Spekulationsblase der 90er in Verruf geraten war. Über die politischen Konsequenzen denkt man lieber nicht nach. „Es sind komplizierte Dinge“, singt „Michi no Kado“ in dem Song „Abe no Mix“. „Daher mach’ dir lieber keine Gedanken.“

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