Wirtschaft : Börsen stellen sich auf steigende Zinsen ein

US-Notenbankchef warnt überraschend deutlich vor Inflation / Experten rechnen mit Zinsschritt der EZB / Aktien unter Druck

Carsten Brönstrup,Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Aussicht auf weiter steigende Zinsen verunsichert die Aktienmärkte. Der Dax fiel am Dienstag um 2,1 Prozent auf 5502 Punkte, nachdem auch die US-Börsen am Vorabend deutlich im Minus geschlossen hatten. Ursache waren Äußerungen des US-Notenbankchefs Ben Bernanke, der mit überraschend deutlichen Worten vor einer steigenden Inflation in den USA gewarnt hatte. Bernanke schloss indirekt eine Pause im Zinserhöhungszyklus aus, auf die viele Anleger am Aktienmarkt gehofft hatten. Gleichzeitig erwartet der Notenbankpräsident ein verlangsamtes Wachstum der amerikanischen Wirtschaft.

Für Unsicherheit sorgte an der Börse auch der Preisschub am Ölmarkt. Am Sonntag hatte das geistliche Oberhaupt des Iran die USA vor Militärschlägen gewarnt. In einem solchen Fall werde die Energieversorgung aus der Region „ernsthaft gefährdet“. Darauf hatten die Energiemärkte am Montag mit einem Preissprung reagiert. Am Dienstag beruhigte sich die Lage etwas. Ein Barrel (159 Liter) der US-Ölsorte WTI kostete zuletzt 72,34 Dollar. Das waren 26 Cent weniger als zu Handelsschluss am Montag.

„Rohstoffe werden noch teurer, die Inflation steigt – diese Mischung ist weltweit für Aktien nicht gut“, sagte Uwe Angenendt, Chefökonom BHF-Bank. Vor allem Hedge-Fonds hätten die wachsende Unsicherheit und die schwankenden Kurse genutzt, um Aktien zu verkaufen, sagte Volker Borghoff, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. „Das zweite Halbjahr wird schwierig.“ Vorher hält Borghoff aber eine kräftige Kurserholung am deutschen Aktienmarkt für wahrscheinlich. Ob auch die alten Jahreshöchststände wieder in Reichweite kommen, sei indes schwer abzuschätzen. Gestützt werde die Erholung von hohen Gewinnprognosen der Firmen und günstigen Bewertungen deutscher Aktien.

Experten sind sich einig, dass die Zinsen in den USA und in Europa weiter steigen werden. Zuletzt hatte die US-Notenbank Fed den Leitzins am 10. Mai um einen Viertelpunkt auf 5,0 Prozent erhöht. Es war der 16. Zinserhöhungsschritt der Notenbank seit Juni 2004. „Ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass der nächste Zinsschritt der Fed der letzte sein wird“, sagte BHF-Chefvolkswirt Angenendt. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), geht sogar davon aus, dass die Fed-Zinspolitik im kommenden Jahr die Wirtschaft leicht bremsen wird. „Die US-Konjunktur wird sich nur vorübergehend abschwächen und 2007 wieder anziehen – dann könnten die Leitzinsen auf bis zu 5,5 Prozent ansteigen.“

In Europa indes ist die besser laufende Wirtschaft treibende Kraft für höhere Leitzinsen. Zahlreiche Indikatoren deuten auf einen breiten Aufschwung hin, zuletzt hatte sich der deutsche Arbeitsmarkt überraschend deutlich erholt. „Die Europäische Zentralbank hat noch eine Menge Spielraum nach oben, auch wenn sie am Donnerstag die Zinsen erhöht“, sagte Angenendt. Die Notenbank entscheidet am Donnerstag auf ihrer Sitzung in Madrid über eine Zinsanpassung. Die meisten Fachleute gehen von einer Anhebung des Leitzinses um 0,25 Punkte auf 2,75 Prozent aus. „Der neutrale Satz, der die Wirtschaft weder bremst noch beflügelt, liegt derzeit zwischen 3,5 und vier Prozent“, kalkuliert Volkswirt Angenendt. „Es gibt keinen Grund, weshalb die EZB die Konjunktur weiter stützen sollte“, argumentiert auch Helaba-Expertin Traud. „Die Aktienmärkte werden sich auf ein dauerhaft höheres Niveau einstellen müssen.“ Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht noch etwas Spielraum für Zinserhöhungen. In einem am Dienstag veröffentlichten Bericht zur Eurozone warnt er allerdings vor einer Serie von Zinsschritten. Der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker, sagte bei einem Treffen der Euro-Finanzminister, die EZB werde bei ihrer Entscheidung am Donnerstag sicher darauf achten, dass das Wachstum nicht geschädigt werde.

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