Wirtschaft : Börsenallianz läßt Marktteilnehmer kalt

BERLIN (jojo / dr).Die deutschen Regionalbörsen reagieren gelassen auf die Ankündigung einer großen Allianz zwischen den Börsen in London und Frankfurt.Diese internationale Zusammenarbeit habe keine unmittelbaren Auswirkungen auf die privaten Anleger, sagte der Geschäftsführer der Berliner Wertpapierbörse, Jörg Walter, am Mittwoch.Genau auf diese Klientel aber habe sich die hiesige Börse spezialisiert.Darüber hinaus seien in der deutsch-britischen Zusammenarbeit noch viele Fragen offen, die eine Einschätzung schwierig machten.

Auf dem Berliner Börsenparkett regierte man zurückhaltend auf die Nachrichten über die Allianz.Offensichtlich wollen die Börsianer erst einmal konkrete Ergebnisse der beschlossenen Zusammenarbeit sehen.Die Frankfurter wollten wohl mit aller Macht ihr Xetra-System verkaufen und über London eine Vormachtstellung erreichen.Gerade bei den kleineren Auslandswerten sei dieses System aber keine wirkliche Konkurrenz für Berlin, weil häufig die Mindestorders zu hoch seien.

Der Geschäftsführer der Bayerischen Wertpapierbörse, Heinz-Wilhelm Schmitt, bezeichnete die Bekanntgabe der Allianz als "Überraschung", die den Spezialisierungsdruck auf die Regionalbörsen erhöhen wird.Da von der Zusammenarbeit nur die größten Titel betroffen seien, müßten sich die Regionalbörsen auf Nebenwerte konzentrieren, das heißt, auf alle Aktien außerhalb des Dax 100.Darüber hinaus müsse nun auch stärker über eine Kooperation mit den anderen deutschen Regionalbörsen nachgedacht werden.Die Frankfurter hätten jetzt jedenfalls keine große Notwendigkeit mehr, sich den kleinen deutschen Plätzen anzunähern.

Erstaunen auch in Düsseldorf über die Zusammenarbeit der beiden bedeutendsten europäischen Börsen.Der Geschäftsführer der Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf, Dirk Elberskirch, bezeichnete es als überraschend zügig, wie die Zusammenarbeit bekanntgegeben wurde.Für Düsseldorf habe die Allianz keine unmittelbare Wirkung.Man werde weiterhin versuchen, den Heimatmarkt zu beackern.Ferner sei "eminent wichtig", so schnell wie möglich zu einer Einigung mit Frankfurt über eine Beteiligung am elektronischen Handelssystem Xetra zu kommen.

Für Berlin erwächst darüber hinaus Konkurrenz durch eine ganz andere Allianz der Frankfurter: Gemeinsam mit Wien soll eine sogenannte "Ostbörse" entstehen.In diesem neuen Segment sollen unter Führung der Österreicher Titel aus Osteuropa gehandelt werden.Gegenwärtig laufen die Vertragsverhandlungen zwischen den beiden Börsen, Anfang kommenden Jahres soll der neue Markt den Handel aufnehmen.

Die Wiener Börse habe bereits in einer Präsentation in Moskau für die Ostbörse geworben, so Börsensprecher Thomas Schäfer.Wien würde seine Aktivitäten in Osteuropa weiter verstärken.Hauptsitz der Ostbörse werde Wien sein.Bislang hat Berlin in Deutschland im Handel mit Ost-Titeln die Nase vorn.Im ersten Halbjahr 1998 entfielen fast 60 Prozent aller Umsätze in diesem Segment hierzulande auf Berlin.Der Berliner Börsenchef Jörg Walter äußerte sein Unverständnis darüber, daß mit der Kooperation Wien-Frankfurt ein Marktsegment aus Deutschland "hinaustransportiert werde".

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