Wirtschaft : Börsenausblick: Zinssenkung ist nur noch eine Frage der Zeit

An den Finanzmärkten hat sich eine ungewöhnliche Situation ergeben: Die Europäische Zentralbank bereitet die Märkte auf eine Senkung der Euro-Leitzinsen vor. Doch die Mehrheit der Marktteilnehmer geht davon aus, dass ihr Ruf nach einem solchen Schritt bei der in dieser Woche anstehenden EZB-Ratssitzung noch ungehört verhallen wird. Noch gebe es innerhalb der Zentralbank keine Mehrheit für eine Zinssenkung, hieß es. Allerdings sind eindeutige Zeichen dafür zu erkennen, dass die Front jener Geldpolitiker, die auf eine harte Linie setzen, immer stärker bröckelt. Nachdem EZB-Chefökonom Otmar Issing inzwischen deutlich eingetrübte europäische Konjunkturperspektiven sieht und sich auch Frankreichs Zentralbankchef JeanClaude Trichet nicht mehr länger über die Inflationsperspektiven besorgt zeigt, rückt der Zeitpunkt einer Zinssenkung näher. Aber Bundesbankpräsident Ernst Welteke warnte davor, die Wachstumsabschwächung im Euroraum überzubewerten und "hektische Entscheidungen" zu treffen. Die Zentralbank benötige weitere Daten für eine Zinssenkungs-Entscheidung. "Derzeit haben wir eine Entlastung beim Preisdruck, aber es ist nicht der Zeitpunkt, über Veränderungen zu spekulieren", sagte Welteke.

Offensichtlich wird auch innerhalb der EZB immer stärker die Gefahr gesehen, dass die konjunkturellen Ungleichgewichte in der ökonomischen Triade Nordamerika-Japan-Europa geringer werden. Ökonomen schließen längst nicht mehr aus, dass sowohl der Rezessions-Bazillus in den USA als auch die Deflation in Japan eine Ansteckungsgefahr für die derzeit noch robuste Konjunktur in Europa bedeuten.

Bank-Analysten verweisen im Übrigen auf ein Nachlassen der Teuerung. Rechnet man den Effekt steigender Nahrungsmittelpreise auf Grund der Tierseuchen BSE und MKS heraus, so dürfte die Teuerung nach einer Analyse der Deutsche Bank lediglich bei 2,25 Prozent gelegen haben. Nach Prognosen von Welteke wird die Kerninflation vermutlich ölpreisbedingt zunächst noch etwas ansteigen, am Jahresende jedoch unter zwei Prozent liegen. Im Februar hatte die Teuerungsrate ohne Energie und Nahrungsmittel bei 1,8 Prozent gelegen. Zuletzt in den Schlagzeilen stehende Ereignisse wie die Energiekrise in Kalifornien und die dramatische Formen annehmenden Tierseuchen in Europa haben mittelfristig zweifellos ebenso konjunkturdämpfende und inflationshemmende Wirkung wie die geplatzte Blase im Technologie-Bereich. Nicht zuletzt aus diesem Grunde würde es einige Akteure an den Finanzmärkten nicht überraschen, wenn sich die EZB doch bereits in dieser Woche zu einem Zinsschritt entschließen würde.

Dass die Anleihezinsen Ende vergangener Woche stiegen, hatte weniger mit der anstehenden EZB-Sitzung, als vielmehr mit einem Umlenken der Kapitalströme zu tun. Bonds hatten sehr stark von der "Flucht in Qualität" profitiert, als verunsicherte Aktien-Anleger Liquidität in festverzinsliche Wertpapiere umgeschichtet hatten. Am Freitag führte die Stabilisierung der Aktienkurse zu einer Umkehr der Kapitalströme in Aktien. Der Dow-Jones-Index hatte in New York 1,2 Prozent, der Dow-Jones-Euro-Stoxx50 in Europa 2,9 Prozent und der Nikkei-Index in Tokio 2,8 Prozent zugelegt.

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