Wirtschaft : Börsenfieber: Der Abgeklärte: Die richtigen Aktien im Depot

Thomas M. Pohlig

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Immer zu Beginn des Monats erhalten unsere Kunden ihren aktuellen Depotauszug. Schön übersichtlich wird dort aufgelistet, wie sich das Gesamtvermögen entwickelt hat. So sieht der Vermögensinhaber auf einen Blick, zu welchem Preis wir die von uns ausgewählten Aktien für ihn gekauft haben. Für jede einzelne Wertpapiergattung wird der Kaufkurs dem Tageskurs gegenübergestellt und daraus der Saldo errechnet. Schon auf dem Deckblatt lässt sich hingegen das Gesamtvermögen in einer Summe ablesen. Mit dieser Art der Information ist Frau H. aus W. bisher immer sehr zufrieden gewesen. Bis zu dem Zeitpunkt, als einige Freundinnen des Golfclubs auf einer Investoren-Messe waren und von dort allerlei Broschüren über Börsensoftware mitbrachten. Damit seien Portfolio-Struktur-Analysen und vieles mehr möglich.

Aber eigentlich möchte sie sich mit dem Thema Vermögensverwaltung gar nicht näher beschäftigen, sie ist eher der musisch interessierte Mensch. Viel zu früh ist leider ihr Ehemann vor einigen Jahren verstorben. Er hinterließ ihr ein beachtliches Vermögen, ein großer Teil davon in Wertpapieren. Von ihrem Steuerberater erhielt sie damals den Rat, sich von einem unabhängigen Profi beraten zu lassen, der gegen Honorar arbeitet und ausschließlich ihre Interessen vertritt.

So entwickelte sich im Laufe der Jahre eine sehr angenehme Geschäftsverbindung zwischen Frau H. und uns. Bei den gelegentlichen Depotbesprechungen ist immer auch der Steuerberater mit von der Partie. Beide sind über die Wertentwicklung des Gesamtvermögens hoch erfreut, obwohl bei einzelnen Titeln leider auch Kursverluste entstanden sind. Aber keine ihrer Freundinnen aus dem Golfclub habe bisher Geld mit Aktien verdient. Das wisse sie genau, denn einige Golferinnen haben einen privaten und sehr exclusiven Investmentclub gegründet. Das Clubvermögen sei im letzten Jahr bedauerlicher Weise erheblich geschrumpft, obwohl der Dax nur etwa 7,5 Prozent verloren hat. Dabei wenden doch die Hobby-Börsianer eine einfache aber geniale Strategie an: Wenn die Kurse fallen, sollen möglichst keine Aktien im Depot sein. Wenn die Kurse hingegen wieder steigen, soll das Clubvermögen wieder voll investiert sein. Trotz ausgeklügelter Software ist offensichtlich dieses Rezept nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Das verwundert nicht. Denn nach statistischen Untersuchungen gibt es die größten Kursschwankungen an wenigen, häufig aufeinanderfolgenden Tagen. Leider ist aber vorher nicht bekannt, an welchen. Deshalb ist das Risiko, an bestimmten Tagen keine Aktien zu haben größer, als durchgehend investiert zu sein.

Wäre man nur am besten Börsentag des letzten Jahres nicht im Dax investiert gewesen, hätte der Verlust 12,3 Prozent betragen. Die Abstinenz der fünf besten Tage hätte Verluste von 25,8 Prozent mit sich gebracht und die der zehn besten Tage hätte das Vermögen sogar um über 40 Prozent dezimiert. Dagegen spielt bei der langfristigen Kapitalanlage der Kaufzeitpunkt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Es ist nahezu unerheblich, ob die Golfdamen zum Jahrestiefstkurs, zum Jahreshöchstkurs oder einfach am Jahresanfang ihre Aktien kaufen. Der Unterschied in der Langfristrendite lag bei weniger als einem Prozent. Viel wichtiger und sehr stark entscheidend für einen langfristigen Wertzuwachs ist für unsere Golfgemeinde die Frage nach der richtigen Aktienauswahl. Und die sollte vielleicht jemand beantworten, der sich damit auskennt.

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