Wirtschaft : Börsenfieber: Der Abgeklärte: Nur ein bitteres Schmunzeln

Thomas M. Pohlig

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Die großen Kreditinstitute haben ein weltweit umspannendes Netz von Analysten, Börsenhändlern, Volkswirten und Betriebswirten. Sie haben Büros an den wichtigen und unwichtigen Börsenplätzen dieser Welt und verfolgen damit ein gemeinsames Ziel, die Kursprognose. Sie versuchen im eigenen und im Interesse ihrer institutionellen sowie privaten Kundschaft auszuloten, wie sich die Weltwirtschaft und die einzelnen Volkswirtschaften entwickeln werden. Daraus ableiten wollen Sie die Börsenlage im Allgemeinen und natürlich im Besonderen.

Sie machen sich ein Bild von der Lage eines Wirtschaftsraumes und deren Teilnehmerstaaten, messen die Waren- und Geldströme dieser Länder untereinander und im Verhältnis zu Drittstaaten. Kaufkraftvergleiche werden angestellt, Währungs- und Zinsparitäten gemessen, Liquidität, Geldmenge in verschiedenen Klassen, Zinsen in allen Laufzeiten usw. usw. Alles wird untersucht, gemessen, verglichen. Sie besuchen Unternehmen und deren Finanzvorstände, und beschäftigen sogar Techniker, Biologen und IT-Fachkräfte, um die Unternehmen und deren Produkte sowie die Geschäftsaussichten besser beurteilen zu können: Wie laufen die Geschäfte im aktuellen Jahr und - noch wichtiger - wie läuft es im nächsten Jahr.

Die so gewonnenen Erkenntnisse laufen im Idealfall an irgendeiner Stelle der Bank zusammen. Dort werden sie verglichen mit Daten anderer Unternehmen, um festzustellen, welches Land, welche Region oder welche Branche die besten Investitionsvoraussetzung für potenzielle Investoren und Aktienkäufer bietet.

Aus den zusammengetragenen Erkenntnissen werden dann die Aktienempfehlungen für die Kunden abgeleitet und den hauseigenen Vermögensberatern als Hilfsmittel an die Hand gegeben. Ein bestimmtes Unternehmen wird zum Kauf empfohlen, ein anderes ist eine Halteposition oder ein drittes soll "akkumuliert" werden. Mit großem Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung werden die Ergebnisse dieser Analysen von informationshungrigen Anlegern aufgesogen und an der Börse umgesetzt.

Wenn man mit dem nötigen zeitlichen Abstand die Gelegenheit hat, eine solche Prognose noch einmal zu lesen, entpuppt sich ein ursprünglich intellektuell anmutender und für den Laien oft unverständlich verfasster Text als kurzweilige Lektüre, die zum Schmunzeln verleitet. Das gilt aus heutiger Sicht besonders für die Prognosen des Jahres 2000.

Schmunzeln können darüber natürlich nur die Leser, die entweder nicht Aktionäre waren oder aber den Prognosen nicht getraut haben. Wohl kein Betroffener findet es wirklich lustig, SAP bei 550 Euro empfohlen zu bekommen und zu diesem Kurs gekauft zu haben. Oder Deutsche Telekom bei 100 Euro oder Daimler-Chrysler bei über 70 Euro. Wem solches widerfahren ist, wird wohl eher den Tränen nahe sein.

Wenn Sie zu diesem Personenkreis gehören, wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Berater. Sicher kennt er eine Reihe von plausibel klingenden Gründen für die offensichtlichen Fehlprognosen. Und eine neue Börsenprognose wird er auch schon für Sie bereithalten. Schauen Sie nach vorn, jetzt ist ein neues Jahr mit ganz neuen Chancen. Aber behalten Sie auf jeden Fall die schriftliche Börsenanalyse, damit Sie am Jahresende wenigstens etwas zum Schmunzeln haben.

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