Wirtschaft : Börsenfieber: Der Abgeklärte: Wollen wir ihn reinlassen?

Thomas M. Pohlig

Vielen Anlegern wird es in diesen Tagen deutlicher vor Augen geführt als noch vor dem Regierungsumzug nach Berlin: Es herrscht Karnevalszeit. Wie ein Schleier liegt der Fasching seit Wochen über den Börsen der Republik. Keiner der hochbezahlten Ökonomen respektiert diese simple Wahrheit. Was in den Analyseabteilungen der großen Investmenthäuser als nicht erklärbares Ansteigen der Volatilitäten - also der Schwankungsbreite von Aktienkursen - ausgemacht wurde, ist in Wahrheit ein bloßes Überschwappen rheinischen Frohsinns. Frei nach dem Motto: Auf und nieder, immer wieder.

Und für diejenigen, die es (noch) nicht wissen: Im Karneval ist alles erlaubt. Es wird viel getrunken und erzählt, und man sollte die Redner, auch wenn sie sich seriös kleiden, nicht ernst nehmen. Sie brauchen sich für die oft dümmlichen, lächerlichen und irreführenden Vorträge nicht einmal zu entschuldigen. Dafür werden sie im Rheinland bejubelt und mit einem dreifach kräftigen "Helau" oder "Alaaf" belohnt. Es ist keine Pflicht für Karnevalisten, mit Pappnase bewaffnet in eine spezielle "Bütt" zu steigen, um Bösartigkeiten und Unwahrheiten zu verbreiten. Die ganz hohen Tiere treten wie gewohnt in Anzug und Krawatte auf.

Deshalb sollten die Anleger es tunlichst vermeiden, in dieser Jahreszeit Investitionsentscheidungen zu treffen, bloß weil ein Vorstand sein Unternehmen lobt. Achten Sie in jedem Fall auf seine Herkunft oder den Sitz der Firma. Das prominenteste Beispiel ist wohl Ron Sommer mit seiner Deutschen Telekom aus Bonn. Allerorten hat er verbreitet, wie wichtig die aberwitzig teuer ersteigerten UMTS-Lizenzen für die weitere Marktführerschaft der Telekom sind. Tätä, tätä, tätä. Gleiches gilt für den 50 Milliarden Mark teuren Fuß auf amerikanischem Boden namens Voicestream. Nur Preußen, Hessen oder sonstige Ausländer haben die Worte nachvollzogen und deshalb T-Aktien gekauft oder zumindest behalten. Die echten Narren haben sich beizeiten von den Aktien getrennt.

Auch Thomas Haffa von EM-TV ist Karnevalist. Wollen wir ihn hereinlassen? Schon in seiner Jugend hat er jede Menge Kamelle geworfen. Vom kleinen Angestellten hat er es zum großen Jecken gebracht. In seiner Glanzzeit schwang er große Reden vor ausverkauften Sälen und ließ sich noch bis vor kurzem feiern. Rumtata, rumtata. Von örtlichen Kreditinstituten wurden Busreisen organisiert, damit die Kundschaft die bestens inszenierte Hauptversammlung einmal live verfolgen konnte. Trotz schon beachtlicher Kursverluste würde Haffa seine Aktien behalten, schließlich war alles nur ein Buchungsfehler. Andere Vorstandschefs der Stahlindustrie verkünden Großfusionen ohne Jobverluste. Da tobt der Saal, die Stimmung steigt. Bei der Aktienemission des Dortmunder Fußballklubs Borussia war die Karnevalssession 2000/01 zum Greifen nahe. Klubmitgliedern und Kleinanlegern aus dem Revier sollte die Chance gegeben werden, durch ihre Kickeridole reich zu werden. Helau.

Der Höhepunkt des organisierten Frohsinns liegt noch vor uns. Aber wer bis heute ohne finanzielle Blessuren geblieben ist, sollte den Beginn der Fastenzeit abwarten und dann wieder nüchtern entscheiden. Am Aschermittwoch ist alles vorbei.

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