Wirtschaft : Börsenfieber: Der Heisssporn: Wer den Penny nicht ehrt

Stefan Müller

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Alle wollten es. Alle forderten es. Und nun begrüßen es alle, dass die Deutsche Börse AG die so genannten Pennystocks vom Neuen Markt in Frankfurt verbannen will. Begrüßen es wirklich alle? Nein, nicht alle. Sie dürfen raten, wer nicht dazugehört: wir Day-Trader natürlich.

Denn uns wird jetzt die ganze Schuld an der Misere des Neuen Marktes gegeben, und die verrufenen Billigaktien, die unterhalb der Schwelle von einem Euro notieren, sollen unser Handwerkszeug dafür gewesen sein. Zugegeben: Weil bei den Pennys schon die kleinste Order ausreicht, um wahre Kursexplosionen auszulösen, waren sie bislang unser bevorzugtes Betätigungsfeld. Bekanntlich stehen wir bei einer Kurschance von nicht mindestens zehn Prozent am Morgen gar nicht erst auf. Und weil viele der Neuer-Markt-Aktien schließlich zu Pennys wurden, weil die Unternehmen kurz vor der Pleite standen, reichten oft diffuse Gerüchte über eine bevorstehende Übernahme oder neue Geldgeber aus, um den Kurs 20, 30, gar 50 Prozent in die Höhe zu katapultieren.

Freilich dauerte dieser Höhenflug meist nur bis zum Mittagessen. Wenn die Gerüchte sich im Verlauf des regen Handels als heiße Luft entpuppten, brachen die Kurse natürlich ebenso kräftig wieder ein. So läuft das Geschäft - unser Geschäft.

Bevor Sie sich jetzt aufregen: Die Handvoll Pennystocks und die paar Zocker, die verzweifelt versucht haben, damit Geld zu verdienen - das Geld übrigens, das sie im vergangenen Jahr verloren haben - sind für den stetigen Imageverlust des Neuen Marktes nicht allein verantwortlich zu machen.

Dazu ein Beispiel: Die Aktie von Mobilcom - ironischerweise eines der soliden Unternehmen, das wegen der rufschädigenden Billigaktien bereits lauthals mit dem Rückzug vom Neuen Markt drohte - geriet kürzlich zweistellig unter Druck. Unbekannte hatten am Morgen das Gerücht gestreut, Deutschlands zweitgrößter Telekom-Konzern stecke in akuter Finanznot. Das war natürlich nicht nur absurd, weil Mobilcom seit dem Einstieg der France Télécom faktisch eine Tochter des gallischen Ex-Monopolisten ist. Es war auch höchst anrüchig: Händler auf dem Parkett erklärten nämlich ziemlich abgeklärt, das Gerücht stamme wohl von interessierten Käufern, die mal eben versucht hatten, ein bisschen billiger an das Mobilcom-Papier aus Büdelsdorf heranzukommen.

Dubiose Gerüchte, skandalöses Verhalten der Pleitekandidaten, zweistellige Kursschwankungen innerhalb weniger Stunden - alles also nur ein Problem der Pennystocks? Von wegen! Gerade das Beispiel Mobilcom kann uns Day-Trader beruhigen: Wenn sich derart vorzüglich auch mit den "Blue Chips" am Markt zocken lässt, finden wir gewiss ganz schnell einen Ersatz für die aufs Abstellgleis verbannten Pennystocks. Die werden im Abseits bald vertrocknen, das zeigt der Blick nach Amerika: Dort werden die Billig-Aktien nach dem Rausschmiss an der Nasdaq am so genannten "Bulletin Board" fernab des hektischen Geschehens an der "richtigen" Nasdaq gehandelt - wenn sie denn überhaupt gehandelt werden. Viele Titel werden Tage oder Wochen lang von keinem Anleger angefasst. Keine guten Voraussetzungen für erfolgreiches Day-Trading!

Traurig nur, dass unsere alte Spielwiese platt gemacht werden soll, auf der viele von uns wichtige Erfahrungen sammeln konnten. Nach dem Motto "Wer den Penny nicht ehrt, ist des Talers nicht wert" haben wir ausprobiert, was sich in Zukunft vielleicht auch für die großen Werte gewinnbringend anwenden lässt.

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