Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider: E-Commerce, oder die neue Bescheidenheit

Christoph Amend

Erinnert sich hier noch irgendjemand an E-Commerce? Der Handel im Internet, electronic commerce genannt, galt lange als Zauberwort der New Economy. Das Rezept schien simpel: Man gründet eine Firma, eröffnet im Netz eine Seite, bietet Waren an wie Bücher oder CDs. Man macht eine Menge Umsatz, regt die Fantasie der Börsen an und schwupps fließt jede Menge Geld. Ich sage nur: Amazon.com. Der Gründer Jeff Bezos galt als gemachter Mann. Also wollten viele damals ihr eigenes Amazon.com gründen - und auch gemachte Männer sein.

Es muss vor langer, langer Zeit gewesen sein, als man von Bezos bewundernd sprach, eine halbe Ewigkeit. Der Begriff "Damals" bedeutet umgerechnet in Börsen-Zeit etwa 1999. Im vergangenen Jahr waren erste Zweifel zu hören an der Genialität des Rezepts, nun musste selbst Amazon.com Mitarbeiter entlassen. Und überhaupt: Was ist eigentlich aus all den Amazon.com-Kopien geworden? Es scheint, schreibt der "New Yorker", als sei die einzig übriggebliebene Amazon-Kopie Amazon selbst. Müssen wir das schöne Wort E-Commerce aus dem Wortschatz wieder streichen? Ist der Traum schon ausgeträumt?

Wer sich im Internet bewegt, konnte in jüngster Zeit miterleben, wie die depressive Stimmung an der Börse sich auch aufs Netz übertragen hat. Viele kleine nette Ideen, die versprachen, große Geschäfte zu werden, sind kleine Ideen geblieben. Manche Kulturseiten sehen einen jeden Tag aufs Neue nahezu unverändert an, so lange, bis man sie gelangweilt aus dem eigenen Bookmark-Verzeichnis löscht. Es gibt aber auch Hoffnung, und sie kommt, woher auch sonst, aus Amerika. Der Medienkritiker Steve Brill hat dort vor einigen Monaten eine Firma gegründet, deren Namen ihre Aufgabe perfekt beschreibt: Contentville.com, die Stadt der Inhalte. Contentville gehört den Fernsehsendern CBS (ein Drittel) und NBC (ein paar Prozent), Steve Brill selbst und einem New Yorker Anlageberater, der Börsengeld investiert hat. Auf der Seite wird alles angeboten, was unter den Begriff Inhalt fällt: Artikel und Essays, Romane und Gedichte, Zeitschriften-Abonnements und Universitätsarbeiten, dazu Empfehlungen von Literaturkritikern und Medien-Journalisten. Die beiden Fernsehsender haben für ihre Anteile kein Geld gezahlt, sie haben Contentville Werbezeiten im Wert von über 100 Millionen Mark geschenkt. Und so wie dieses Geschäft ein virtuelles ist, so ist ganz Contentville ein virtuelle Firma. Während bei Amazon fast 7000 Angestellte arbeiteten, sind es bei Contentville 50. Und während die höchsten laufenden Kosten bei Amazon die Mietpreise der riesigen Lagerhallen sind, zahlt Contentville gar nichts. Die Firma tritt lediglich als Zwischenhändler für Buchhandlungen, Redaktionen und Universitäten auf, der Vertrieb wurde von Anfang an an eine andere Firma gegeben. Ist das also die Zukunft für E-Commerce: Möglichst wenig Geld ausgeben, dann reicht es, wenn man nur ein bisschen Geld verdient? Nicht think big sondern think cash? Ich dachte, es hieß immer: Nur die Nummer Eins überlebt. Steve Brill, der Gründer von Contentville, sagt lieber: "Es ist verrückt zu glauben, man kann keine Geschäfte machen, wenn man nicht Marktführer ist." Wird Steve Brill der neue Jeff Bezoos? Die Macht der Börse verändert unseren Alltag. Es sieht ganz so aus, als würde sie uns derzeit zwingen, bescheidener zu sein.

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