Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider: Ein eiskalter Sommer

Christoph Amend

An diesem Freitag geht eine Handelswoche zu Ende, die man nicht so leicht vergessen kann - gerade als Outsider nicht, der versucht, sich dem Phänomen Börse von außen zu nähern. Ich fasse zusammen: Auf dem G8-Gipfel in Genua kam es zu schweren Kämpfen zwischen militanten Gegnern des freien Marktes und der Polizei, ein Straßenkämpfer wurde erschossen. Der Internet-Buchhändler Amazon gab seine Quartalszahlen bekannt, die zwar besser ausfielen, als angenommen, aber immer noch 377 Millionen Mark Verlust ausweisen. Einige Analysten sagen nun, Amazon drohe der Bankrott bis Ende des Jahres. Und der Unternehmer Thomas Haffa, einst Symbolfigur des Neues Marktes der Frankfurter Börse, trat als Chef von EM.TV zurück. Der Medienkonzern war noch Anfang vergangenen Jahres 25 Milliarden Mark wert, nach einem spektakulären Absturz sind es nun 580 Millionen - bei einem Jahresverlust von 2,8 Milliarden Mark im Jahr 2000.

Es war eine Woche voller schlechter Nachrichten, eine Woche, in der vom "Ende einer Symbolfigur" (EM.TV) oder vom "großen Bluff" (Amazon) zu lesen war, und man steht als Autor einer Kolumne namens Börsenfieber da und misst die Temperatur und hat mitten im Sommer das Gefühl, man müsse der Kolumne einen Schal umlegen, so sehr bibbert sie.

Die Börse verändert unseren Alltag, und am Beispiel des Buchhändlers Amazon lässt sich das ganz gut erkennen - und vielleicht auch, wie die 377 Millionen Mark Verluste zustande kommen. Ich gestehe, dass ich zu den ängstlichen Menschen gehöre, die Angst haben, ihre Kreditkartenummer dem Internet zu überlassen, und deshalb habe ich bei Amazon noch nie etwas bestellt. Trotzdem habe ich die Webseite bei der Bookmark-Liste meines Computers eingefügt, damit ich wieder mal schnell dorthin springen kann. Warum ich dort gelegentlich ganz gerne bin, obwohl ich gar nicht einkaufe? Amazon veröffentlicht, stündlich neu, ihre Topseller der letzten 24 Stunden, und die eigentümliche Mischung dieser Bestseller lässt vermuten, dass man erfährt, was in Deutschland wirklich gelesen wird. Natürlich findet man auch bekannte Namen und Titel, "Generation Golf" von Florian Illies auf Platz fünf etwa, die Krimis von Henning Mankell oder, neu auf 27, "Der Lebenslauf der Liebe" von Martin Walser. Auf Platz eins aber lag bei Redaktionsschluss das "Lexikon der schönsten Sprichwörter und Zitate", auf zwei der Lübbe-Roman "Das Lächeln der Fortuna", auf drei das Buch des Radrennfahrers Lance Armstrong, der wohl die Tour de France gewinnen wird.

Vielleicht stehe ich mit der Nutzung der Webseite des börsennotierten Unternehmens Amazon nicht ganz allein: Man freut sich, dass es so etwas gibt und holt sich beinahe täglich Informationen von dort - aber eben nur, solange man nicht dafür zahlen muss. Der Online-Musikanbieter Napster macht ja in seinem Bereich gerade ähnliche Erfahrungen. Die Aktie von Amazon hat in den vergangenen zwölf Monaten neunzig Prozent an Wert verloren, 1300 Mitarbeiter wurden entlassen, und selbst Firmengründer Jeff Bezos riet zwischenzeitlich vom Kauf der Aktie ab: "Mit Amazon kann man nicht ruhig schlafen." Und jetzt? Bleibt uns fürs Erste festzuhalten, dass 2001 ein Jahr der Krise werden kann. Und dass wir nur hoffen können, dass diese Kolumne namens Börsenfieber bald wieder heißlaufen kann.

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