Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider: Schwarzeneggers Taxifahrer ist die Zukunft

Cristoph Amend

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Arnold Schwarzenegger weiß seit Jahren, was auf uns zukommt. Es gibt in dem zehn Jahre alten Science-Fiction-Film "Total Recall - Die totale Erinnerung" eine Szene, da rennt Herr Schwarzenegger etwas gestresst ein paar bösen Verfolgern davon, und plötzlich biegt ein leeres Taxi um die Ecke. Er steigt ein, dankbar für diesen Zufall und schreit den Fahrer an: "Los, los, fahren Sie!" Dann dreht sich der Kopf des Fahrers um, und man sieht: kein Mensch, ein Roboter. "Nennen Sie bitte ihr Fahrziel", sagt der Roboter, und Schwarzenegger kann sein Schicksal gar nicht fassen. Er schreit noch einmal "Fahren Sie einfach nur!", doch der Roboter wiederholt seine Frage, und wer einmal einen Arnold-Schwarzenegger-Film gesehen hat, weiß was Arnold Schwarzenegger in solchen Situationen macht. Er redet nicht, er handelt, er reißt den Roboter aus der Verankerung und fährt selbst. Man kann auch das Buch des amerikanischen Wissenschaftlers Ray Kurzweil lesen, um eine Ahnung davon zu haben, was uns noch alles bevorsteht. Die Roboter kommen, und sie kommen, um den Menschen ein wenig zu ersetzen, zunächst ganz unauffällig, etwa an der Börse.

Die Webseite des Fond-Anbieters Pioneer, der wiederum zu UniCredito, der größten Bankengruppe Italiens gehört, macht ihrem Namen alle Ehre. Auf ihrer Internetseite unter www.pioneerfunds.com wird Pionierarbeit geleistet, und die Pioniere heissen Janet und Logan. Beide sind virtuelle Berater, die den Kunden von Pioneer bei grundsätzlichen Fragen weiterhelfen sollen. Und vielleicht fällt es dem einen oder anderen zur Zeit leichter, mit einem Roboter die eigene miserable Lage zu besprechen. Das Mitleid unter Menschen fällt ja weg.

Für eine Virtuelle wie Janet gibt es unter Zukunftsforschern bereits einen eigenen Begriff, es ist die Kurzform der Obergattung: Janet ist ein "Bot", ein Internet-Roboter. Wie Pioneer auf die Idee kam? Manchmal können Krisen dabei helfen, den eigenen Service zu verbessern. Pioneer ist zwar die weltweit zehntgrößte Fond-Familie mit einem Volumen von knapp 20 Milliarden Dollar, aber in den vergangenen zwölf Monaten bis Februar wurden ihr von Investoren 1,5 Milliarden Dollar entzogen. Erst seit kurzem geht es aufwärts, was sicher im Wesentlichen an anderen Faktoren liegt (man kann in Krisenzeiten eben zu günstigeren Bedingungen einsteigen).

Trotzdem: Janet blinzelt einem ganz charmant von der Webseite entgegen, mit halblangen, glatten, hellroten Haaren, in einem Pullover in pink. Man kann mit ihr leicht einen E-Mail-Dialog beginnen, dann bewegt sie sich, mal zuckt sie mit den Achseln, mal kann man ihr beim Schreiben zusehen. Iang Jeon, bei Pioneer Janets Chef und ein echter Mensch, sagt: "Sie können ruhig versuchen, mit ihr zu flirten, es wird nicht funktionieren. Sie konzentriert sich sehr auf ihren Job." Tatsächlich kommt Janet über ihren Börsen-Talk nicht hinaus, aber immerhin formuliert ihr Schreibprogramm in einem leicht verständlichen Plauderton. Man darf von ihr nur keine sicheren Tipps verlangen, da reagiert sie hilflos wie Schwarzeneggers Taxifahrer.

Programmiert wurde Janet von der Firma Artificial Life aus Boston. Die haben ihre Sache wirklich gut gemacht, ihr optisches Vorbild war ein russisches Model, und wer weiß, vielleicht kann ja sogar ein ahnungsloser Outsider wie ich mal einen Tipp geben. Artificial Life sind nämlich im Nasdaq verzeichnet. Und wenn der Roboter-Boom so weitergeht, müsste man dort nur rechtzeitig einsteigen, oder? Oder darf ich so etwas gar nicht schreiben, weil ein Outsider dann als Insider gilt?

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