Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider: Theater am Neuen Markt

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"Wussten sie", schreibt der Lyriker Albert Ostermaier in seinem neuen Theaterstück, "dass die wall street nach einer mauer benannt wurde welche die haustiere daran hindern sollte von den höfen am ende von manhattan weg zu laufen." Und weiter: "der reinste zoo ist das immer noch bullen bären schweine schafe das ist ganz einfach."

Auf dem Parkett würde man wohl sagen: Der Zeitpunkt stimmt. Kurseinbrüche, Verluste, Katerstimmung. Da kommt der Autor Albert Ostermaier, Jahrgang 1967, schreibt ein Stück über die Krankheit Börse. Es heisst "Erreger", erscheint im Suhrkamp Theaterverlag, uraufgeführt wird es an diesem Sonnabend im Schauspiel Hannover. Man kann es durchaus lesen wie ein Protokoll zur Börsendepression im Herbst des Jahres 2000.

Ein erfolgreicher Trader im Selbstgespräch, der Text in Kleinbuchstaben und ohne Interpunktion. Der Patient eingeliefert ins Krankenhaus, weil irgendetwas nicht in Ordnung ist mit ihm. Das wundert ihn, "als kind war ich nie krank". Außerdem ist er sich ganz, ganz sicher: "Ich bin einfallsreich kreativ jung skrupellos hoch motiviert die gesellschaft kann es sich nicht leisten mich zu verlieren".

Er liegt auf dem Krankenbett, kein Telefon klingelt, kein Internet-Anschluss weit und breit, und trotzdem kommt er nicht zur Ruhe, weil ihm die Gedanken durcheinander purzeln. Ein Informations-Junkie auf Entzug. "Es gibt eine sehr enge parallele zwischen einem alkoholiker und einem trader dessen konto von verlusten heruntergewirtschaftet wurde", schreibt Albert Ostermaier an einer Stelle des Stücks, "der trader ändert weiterhin seine taktik und verhält sich wie ein alkoholiker der versucht sein problem dadurch zu lösen dass er von schnaps auf bier umsteigt."

Wir erfahren nichts Genaues über die Biographie unseres Traders, etwa ob er in Frankfurt lebt, in Tokio oder in New York. So wie die Welt der Börsen eine internationale ist, bei der ein zufälliger Aufenthaltsort keine allzu große Rolle mehr spielt, so hat das auch in Ostermauers Stück keinerlei Bedeutung. Das Schicksal, will der Autor wohl sagen, kann überall an den Märkten gleichermaßen zuschlagen.

Die Börse verändert unseren Alltag, und nun beschäftigt sich auch das Theater damit. Gespielt wird der "Trader in Quarantäne", wie es bei Ostermaier heisst, von Thomas Thieme, der von "Theater heute" zum Schauspieler des Jahres 1999 gewählt worden ist. Man sieht ihn schon auf der Bühne, im Bett, weit ab vom Parkett, wie er mit den Ärzten redet. "Sicherlich eine intrige insidergeschäfte man will mich beseitigen sicher ihre tests werden es ihnen beweisen ich bin völlig gesund etwas blass ja überarbeitet einen schnupfen aber wer hat den momentan nicht."

An der Volksbühne in Berlin hat in diesem Herbst Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" Premiere, ein Roman, der sich auch mit der Gen-Technik auseinandersetzt. In Albert Ostermaiers "Erreger" macht sich der Mensch als Patient seine Gedanken. "Meine organe sind privateigentum das können sie sich sparen ich unterschreibe nichts hervorragendes genmaterial." Unsere Gene an der Börse? Was sagt der Experte dazu? "Das ist die zukunft fantastische gewinne ich bin doch hier in einem labor oder wollen sie an die börse gehen ich meine wenn sie mich hier schon einsperren wären ein paar optionsscheine schon angebracht."

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