Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider

Christoph Amend

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

An dieser Stelle war einmal vom Charme der Börsensendungen die Rede, zu einer Zeit allerdings, als viele noch vom "Börsenfieber", dem Titel dieser Kolumne, erfasst waren. Die Temperatur stieg, den Kursen ging es prächtig, und bei "n-tv" sah man strahlende Menschen, die ein Auftreten hatten, als wüssten sie, wie man Geld selbst drucken kann. Nein, sie druckten es längst.

Als Outsider, der ich nun mal bin, war ich begeistert von diesen jungen Göttern in Anzug und Krawatte, den sogenannten Aktienanalysten. Sie traten vor die Kameras, ihre Befehle waren eindeutig: Kaufen, halten, kaufen. Und am nächsten Tag waren die Kurse gestiegen, das Geld der Zuschauer schien gedruckt. So ging es Woche für Woche, Monat für Monat. Seriöses Auftreten, tägliche Auftritte im Fernsehen, immer einen Spruch auf den Lippen: Es sah ganz so aus, als hätten Analysten die Wetteransager in ihrer Rolle als Fernseh-Wahrsager abgelöst. Die einen redeten von Sonnenschein oder Regen, die anderen davon, wie man schnell ein Vermögen machen kann - das schien in Zeiten des Börsenbooms viel konsequenter. Die Zeitschrift "Capital" nannte Analysten die "Hellseher vom Dienst", wer wollte da noch übers Wetter reden?

Über ihre Gagen sprechen Analysten nicht gern, und zurzeit fällt ihnen das Schweigen sicher noch leichter als vor der Baisse. Schließlich haben viele ihrer Zuschauer (und Leser) Geld verloren, und sie verlieren weiter. In Frankfurt, heißt es, verdient ein Berater bis zu 300 000 Mark, und über den Markt in London sagt der Analysten-Headhunter Terry Benson: "Je nach Spezialgebiet übersteigen die Summen schon mal das Niveau von Spitzenkräften in der Industrie" - bis zu drei Millionen Mark jährlich. Das alles belastet einen Analysten normalerweise nicht sonderlich, schließlich ist es sein Job, anderer Leute Geld zu vermehren. Wieso sollte er also auf eigenes verzichten? Wer die Berater allerdings momentan im Fernsehen beobachtet, der merkt, wie sehr ihnen der Charme der Sieger verloren gegangen ist. Plötzlich sitzen sie da, im Hintergrund das Börsenparkett, und müssen vorsichtig sein, man bedauere, hört man sie sagen, tja, also, man könne leider nur warnen, warnen, warnen.

Im "Spiegel" haben sie nun den nächsten Schlag versetzt bekommen. Der renommierte Investmentbanker Tony Golding aus London rechnet in einem Interview mit seinen früheren Kollegen ab. Golding begann seine Karriere als Analyst; von jungen Göttern, die wissen, wie man Geld druckt, will er nichts hören. "Ich habe sehr viel Sympathie mit erfahrenen Vorständen", sagt er, "die Probleme haben mit 28jährigen ahnungslosen Analysten."

Der Boom am Aktienmarkt hatte für einige Zeit den Alltag der Analysten verändert, sie wurden als die Jungstars der Wirtschaftsszene verehrt. Nun ist der Glamour verschwunden, in Frankfurt etwa verlor der Fondsmanager Kurt Ochner, bekannt als "Nebenwerte-Papst" und Spezialist für den Neuen Markt, vor ein paar Tagen seinen Job. Zurück bleibt die Tristesse der sinkenden Kurse. An der Wall Street sind sie wieder mal einen Schritt weiter. Dort gibt es einen neuen Sport, und hierbei muss man wissen, dass im Englischen der Begriff analyst auch für Psychotherapeuten steht. Das Spiel heißt Analysts analyzing. Aus den Propheten sind Patienten geworden.

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