Wirtschaft : Börsenfieber: Der Outsider

Christoph Amend

Wir müssen an dieser Stelle noch einmal auf Steve Fossett, 57, aus Chicago zu sprechen kommen. Der Mann will seit zehn Jahren mit seinem Heißluftballon einmal nonstop um die Welt fliegen, doch auch sein bislang sechster Versuch musste vor einigen Tagen abgebrochen werden. Der Wind blies ihm zu stark ins Gesicht. Fossett hatte bereits eine Strecke von 20 000 Kilometern hinter sich und am Vortag zwei Stürme überstanden, und sein Team dachte, nun sei das Schlimmste vorbei. Dann wurde schlechtes Wetter über dem Atlantik gemeldet, und Steve Fossetts Traum war wieder einmal geplatzt.

Warum dieses Abenteuer in einer Kolumne Platz findet, die sich mit der Frage beschäftigt, wie die Börse unseren Alltag verändert? Aus zwei Gründen: Einerseits hat Steve Fossett sein Geld als Börsenmakler verdient, so viel offenbar, dass er seit zehn Jahren hauptberuflich damit beschäftigt ist, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Was früher also Richard Branson war, der sein Geld in der Unterhaltungsindustrie gemacht hat, ist heute einer von der Börse: der Typ etwas sturer Abenteurer, der sich von nichts und niemandem abhalten lässt, wieder Kind zu spielen. Früher hat er sich eine Sandburg gebaut, als Erwachsener springt er in einen Heissluftballon.

Andererseits muss die Reise Mister Fossetts an den Verlauf der Börsenkurse in letzter Zeit erinnert haben. Man übersteht gerade noch mehrere Gewitter und hofft, dass sich die Lage endlich beruhigt - und am nächsten Tag kommt es noch viel schlimmer. Und wie oft haben wir in den letzten Woche über die T-Aktie gelesen, sie sei "im freien Fall". Ja, hat man sich nach dem dritten, vierten, fünften Mal gefragt: Wie lange kann man sich eigentlich im freien Fall befinden? Kann ein freier Fall verlängert werden, ohne dass der Boden jemals erreicht wird? Hebt die Börse nun auch noch die Gesetze der Physik auf?

Zurück zu Steve Fossett. Nachdem ihm sein Bodenteam geraten hatte, die Reise abzubrechen, landete er im Süden Brasiliens, und ihm passierte nichts. Und wie die Öffentlichkeit ihn kennengelernt hat in den vergangenen Jahren, wird er es sicher bald ein siebtes Mal versuchen. Dass er nicht so leicht aufgibt im Leben, hat er vielleicht an der Börse gelernt, und er muss sich darin bestätigt gefühlt haben, als er allem Spott zum Trotz den Mount Everest bestieg, beim Hundeschlittenrennen in Alaska mitfuhr oder den Ärmelkanal durchschwamm.

Als Outsider, der von draußen auf die Börse sieht, hat man da natürlich ein paar Fragen an die Insider: Sind andere Börsianer auch wahnsinnig wie Steve Fossett? Wird man so auf dem Parkett? Oder muss man anders fragen: Kann sich ein erfolgreicher Börsianer am Ende einer langen Karriere nur noch zum Ziel setzen, mit einem Ballon nonstop um die Erde zu fliegen, weil alles andere Kinkerlitzchen wären?

Bei seinem vierten erfolglosen Versuch vor drei Jahren übrigens stürzte Fossett vor Neuseeland ins Meer, an eine Stelle, die so unübersichtlich und mit Korallenriffen übersät ist, dass sie nicht karthografiert werden kann. Sie gilt als Lieblingsort für Haie, die dort oft erfolgreich nach Opfern suchen. Steve Fossett hat sich davon nicht abhalten lassen. Er hat ja auch andere schwarze Freitage gut überstanden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben