Wirtschaft : Börsenfieber: Der Zauderer: Das entschlossene Kinn von Michael Douglas

Stephan Lebert

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Börsen. Der Heißsporn, der ohne tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Man soll, so heißt es doch immer gerne, in krisenhaften Situationen bei sich selbst anfangen. Nicht in anderen die Krise suchen, sondern in sich drin. Also: Was macht man beispielsweise, wenn das Bankkonto bedrohliche Kursschwankungen anzeigt? Man fertigt einen Plan an, auf welchem Sektor sich Einsparmöglichkeiten möglicherweise ergeben könnten. Ein Freund von mir sagt, er kenne dieses Ritual seit vielen Jahren: Mit seiner Ehefrau zusammen schreibt er eine lange Liste der gesammelten Ausgaben. Punkt für Punkt werde dann durchgegangen. Auf was könne verzichtet werden? Als einziges bleibe dann jedes Mal das Taz-Abo. Ein deprimierendes Ritual, sagt der Freund. Eine Dokumentation der Ausweglosigkeit.

Von Rilke gibt es eine schöne Gedichtszeile: "In diesen Nächten, wo dir die Seele sagen lässt, du musst ein anderer werden." Ökonomen können mit Poesie in der Regel wenig anfangen und formulieren etwas platter: "In der Krise liegt die Chance." In diesem Sinne kommen aus den konjunkturgeplagten USA gerade Nachrichten, die trotz aller Phantasie aber ein wenig überraschend sind. Denn die Branche, die gerade am allermeisten profitiert von der Wirtschaftsflaute ist die Zunft der Schönheitschirurgen. Und zwar sind es die gestressten Manager, die ihr Heil im Skalpell suchen. Sie nehmen es also wirklich wörtlich: Man soll in jeder Krise bei sich selbst anfangen.

Die Botschaft ist klar: Je stärker der Konkurrenzdruck, desto mehr achten Manager auf ihr Erscheinungbild oder besser: wollen es verändern. Eine Entfernung der Tränensäcke kostet 5000 Mark, eine Korrektur des Oberlids ebenso viel. Das Verschwinden des Doppelkinns frisst 6000 Mark, einmal Fettabsaugen beläuft sich "pro Zone" auf ebenfalls 5000 Mark. Für ein Facelifting total muss man etwa 20 000 Mark kalkulieren. Die US-Schönheitsdoktoren schwören auf die segensreiche Wirkung ihrer Messerschnitte: Dauernd schleifen sie Patienten ins Fernsehen, die vorher totale Loser gewesen seien und nun mit implantierten Haupthaaren die Karriereleiter hinauf stürmten. Haartransplantation kostet übrigens pro Zone auch 5000 Mark. Von der Wall-Street wird diesbezüglich noch ein ganz besonderer Trend gemeldet.

Die Broker wollen besonders entscheidungsstark aussehen, und sie haben dabei ein Vorbild: den Film "Wallstreet" mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Also marschieren sie rudelweise zum Arzt und lassen sich, das ist keine Satire, ein Kinnimplantat einsetzen. Wie wenn Frauen zum Friseur gehen und fragen, ob sie nicht die Frisur von Julia Roberts haben könnten. Ein Kinn wie Michael Douglas. Man sollte in Zukunft bei den Börsenberichten aus den Vereinigten Staaten etwas genauer hinschauen. Wieviele Broker haben inzwischen das gleiche Kinn? Die Bilder werden noch skurriler als sie jetzt schon sind. Heute schreien alle hektisch herum und haben ganz viele Telephone. Und dazwischen lauter entschlossene Kinne.

Vielleicht sollte ich meinem Freund diesen Tipp geben. Er soll mal die Methode Taz-Abo vergessen. Mit einem neuen Kinn hat man gleich einen ganz anderen Auftritt bei dem Bankangestellten. Oder vielleicht helfen auch neue Ohren? Wer weiß, vielleicht geben Banken Menschen mit schönen Ohren leichter einen Kredit.

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