Wirtschaft : Börsenfieber: Der Zauderer: Die Experten an der Börse sind arm dran

Stephan Lebert

Ich fürchte, es wird allmählich Zeit einen Nachruf vorzubereiten. Es geht um einen Berufstypus. Es geht also um Arbeitsplätze. Wie viele es sind, lässt sich nur schwer abschätzen, sicher einige Tausende, manchmal hat man den Eindruck, es sind viel, viel mehr. Denn es gab in den letzten drei, vier Jahren einen riesigen Boom, sie kamen von überallher und drangen ins Rampenlicht. Die Rede ist von Börsenexperten.

Manchmal hat man das Gefühl, egal wann man den Fernseher einschaltet , spricht gerade einer, der die neusten Trauerfälle an der Börse erläutert. Gleiches gilt für die Radioprogramme, wo immer "noch ein paar kluge Worte" mit "unserem Mann von der Wall Street" gewechselt werden. Zu Zeiten des Börsenbooms hat das funktioniert, weil die Stimmen nach Sieg und Triumph klangen. Als Börsenzauderer kann ich mich gut erinnern, wie ich nach diesen Jubelarien immer das schlechte Gewissen bekam, warum ich noch nicht mitmache beim großen Gewinnspiel. Doch im nachhinein betrachtet waren sogar mir die alten Zeiten lieber. Denn diese schlechten Nachrichten schlagen einem langsam aufs Gemüt.

Und man macht sich so seine Gedanken: Wenn die Sender die täglichen Miesmacher aus ihren Programmen verbannt haben werden, was tun diese Leute dann? Hat ein Börsenexperte Fähigkeiten, die auch anderswo einsetzbar sind? Können sie denken? Gut schreiben? Lustig sein? Ich fürchte, es besteht die Gefahr, dass diesen Menschen auf ewig ein Etikett angeklebt wird: Das sind die Leute, die den Untergang nicht vorgesehen haben, die schuld sind, dass wir alle kein Geld mehr haben.

Soweit der Nachruf. Wir alle müssen also bald allein mit der Börse zurechtkommen. Ich als Zauderer fange damit an. Erster Versuch: Thema Euro. Die Fragestellung: Was bedeutet das? Wie können wir börsentechnisch davon profitieren?

Es gibt Menschen, die bislang im Urlaub vor allem mit einem Gedanken beschäftigt waren: Wo und wie bekomme ich den besten Umtauschkurs? Da dies nun bald wegfällt, könnte das bedeuten, dass viele im Urlaub plötzlich viel Zeit haben. Diese Leute, die meistens geizig sind, man könnte auch sagen preisbewusst, muss man ansprechen. Es könnte ein Boom im Segment der Reiseveranstalter entstehen. Die Erfindung eines neuen Berufsbildes: Ein Animateur für die Geizigen! Ob das reicht, um Bewegungen an den Börsen auszulösen, bleibt allerdings abzuwarten.

Ach, noch etwas: Man sollte schnell herausfinden, in welcher Firma die berühmten Umrechnungstabellen, das Lieblingsstück der Deutschen, gedruckt werden. Ist diese Firma irgendwie mit der Börse verwickelt? Wenn ja, dann geben wir hier eine Gewinnwarnung und damit einen Tipp: Verkaufen, Verkaufen. So einfach ist das.

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