Wirtschaft : Börsenfieber: Der Zauderer: Digi-Blabla, Börsi-Blabla, Daxi-Blabla

Stephan Lebert

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Börsen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Na, schönes Osterfest gehabt? Gut, draußen hat es geregnet und geschneit, aber ein paar Tage weg von allem Stress, das ist doch auch was. Und für einige muss es doch Erholung genug sein, dass nicht ständig die Nachricht kommt: dramatischer Einbruch an den Börsen. Mensch, Aktie, was ist aus dir geworden? Ob wohl irgendjemand an Ostern eine Aktie verschenkt hat?

Vielleicht muss ich es wieder mal betonen: Ich habe keine Aktien, gar keine, keine einzige. Dafür musste ich mich monatelang verspotten lassen, ja, ich glaube, es waren Monate, die dieser irre, wahnsinnige, aufregende, hitzige Börsenboom dauerte. Man kann sich heute kaum noch erinnern. Nun sind es schon wieder Monate, in denen ich meine Enthaltsamkeit genießen kann und in denen ich, zugegeben, gelegentlich auch anderen gegenüber davon erzähle. Was ist die Folge? Mein Zimmernachbar in der Redaktion spricht kaum mehr mit mir. Anscheinend hat er es mir irgendwann übel genommen, dass ich ab und an gefragt habe, ob es mit seinen nordchinesischen Aktien nun wieder besser laufe. Gerüchteweise plant dieser Kollege S. aber einen neuen Angriff, er will mehr auf heimische Produkte setzen und den nicht ganz krisenfreien Fußballverein Fortuna Düsseldorf an die Börse bringen. Wenigstens muss er keine Gewinnwarnung abgeben.

Meine Rolle in Sachen Börsen ist also wieder nicht besonders glücklich. Zuerst der Loser, jetzt der Rechthaber, der überall schlechte Laune verbreitet. Was letzteres Schicksal angeht, habe ich allerdings an den Ostertagen beim Lesen einen durchaus ehrenvollen Bundesgenossen gefunden, den amerikanischen Romanautoren und Journalisten Tom Wolfe. In seinem Essay "Digi-Blabla, Feenstaub und der menschliche Ameisenhaufen" (erschienen in dem Erzählsammlung "Hooking up" im Blessing-Verlag) schreibt er folgendes: "Ich möchte nicht derjenige sein, der dem Stamm, dem magischen Digi-Königreich diese Nachricht überbringt, aber die schlichte Wahrheit ist, dass das Web, das Internet, eines tut: Es beschleunigt das Wiederauffinden und die Verbreitung von Informationen, und es beseitigt teilweise solche Tätigkeiten wie den Weg zum Briefkasten oder zum Pornobuchladen oder die Mühe, zum Telephon greifen zu müssen, wenn man seinen Börsenmakler oder irgendwelche Kumpels zum Plaudern erwischen möchte. Dieses Eine tut das Internet, und nur dies. Alles Übrige ist Digi-Blabla".

Digi-Blabla. Börsi-Blabla. Daxi-Blabla. Dowi... ach, ja, so schnell ist man wieder beim Spott. Was bringt das? Ich habe einen Traum: Ich will mit dem Kollegen S. wieder eines Tag nett in der Kantine sitzen können und über etwas Unverfängliches reden. Vielleicht über Fußball, obwohl Dortmund und die Börse, die Fortuna aus Düsseldorf, geht also eher nicht. Wetter? Wechselhaft, ein Tief nach dem anderen. Könnte auch gefährlich werden. Gen-Technik? Keine Chance, zu nahe ist der Sturz der Bio-Tech-Kurse. Sterbehilfe? Stimmt, das müsste gehen. Aber jeden Tag?

Traurige Zeiten. Wie das Geld die privaten Beziehungen zersetzt, merkwürdigerweise auch dann, wenn weder die eine Seite noch die andere besonders viel von diesem Geld besitzt, eher im Gegenteil. Weiß man darüber eigentlich mehr? Sind am Börsensturz bereits erste Ehen zerbrochen? Mein Kollege T. hat jedenfalls erzählt, dass es bei ihm zuhause am Frühstückstisch schon wiederholt zu Problemen gekommen ist: Die Frau liest den Wirtschaftsteil, er nur mehr den Sport... Aber das ist dann doch vielleicht eine andere Geschichte.

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