Wirtschaft : Börsenfieber: Der Zauderer: Tempowechsel

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Mögen Sie eigentlich das Wort "langfristig"? Im Duden kommt es gleich hinter "langfingrig" und vor "Langgässer" (deutsche Dichterin). Was es bedeutet, ist klar. Es klingt nach Rente, warmer Pullover, Zuverlässigkeit. Oder besser: So soll es klingen, so mag es mal geklungen haben. Denn heute assoziiere ich mit "langfristig" ganz etwas anderes: Man hat keinerlei Ahnung mehr, man ist orientierungslos, es sieht nicht gut aus.

Achten Sie mal darauf, in welchen Zusammenhängen heutzutage dieses Wort gebraucht wird. Kanzler Gerhard Schröder sagt es gerne, wenn er zum Beispiel die Umwelt sichern will. Was bedeutet: Jetzt werden keine konkreten Beschlüsse getroffen. Minister Walter Riester trümmert mit dem Wort verzweifelt auf die Rente ein. Der Deutsche Fußballbund hat es mit Christoph Daum in Verbindung gebracht. Und Jenny Elvers? Auch sie denkt sicher gerne langfristig.

Und jetzt scheint es, als hätte die Börse dieses Wort entdeckt. Auffallend viele Experten rühmen plötzlich die Zeitdimension vieler Aktien. Verlangt man bei Insidern nach heißen Tipps, bekommt man tatsächlich zur Antwort: Man müsse... ja, Sie wissen schon wie, denken. Ausgerechnet die Börse. Nichts hatte der Börsenboom des, sagen wir letzten Jahres, mehr verachtet als Langsamkeit, als Geduld, als eine schöne Tasse Tee. Das Motto war: Wir sind die Schnellsten, wir telefonieren, wir schlafen nicht und wenn wir trotzdem mal irgendwann aufwachen, dann nur um festzustellen, dass wir reich geworden sind. Und jetzt? Wie könnte das neue Leitmotiv lauten? Vielleicht: Kommt Zeit, kommt Rat?

Im Grunde passt es also ganz gut, dass in diesen Zeiten des völligen Tempowechsels die Gelbe Post an die Börse geht, oder soll man sagen, schleicht? Alles, was die Post jemals zu bieten hatte, signalisiert Ruhe, Selbstfindung, Gelassenheit. Briefträger, Briefkästen, Schalterschlangen. Die Werbefachleute haben das erkannt - und dem quirligen Thomas Gottschalk seinen langweiligen Bruder zur Seite gestellt. Und wie war der Börsenstart? Eher wie ein zuckelndes, ruckelndes Postauto. Es wird doch nicht stehenbleiben!?

So, und jetzt nähern wir uns ruhig und vorsichtig der entscheidenden Frage dieser Kolumne: Soll man nun einsteigen in dieses Postauto? Will man sich der "Aktie Gelb" anvertrauen? Post-Chef Zumwinkel hat erklärt, er sei bislang zufrieden. Ist das sonst noch jemand? Davon haben wir nichts mitbekommen. Also, ehrlich und kurz gesagt, ich lasse die Finger davon. Ich mag keine langfristigen Perspektiven im Zusammenhang mit Briefträgern und ich will auch kein Miteigentümer sein, bei der Post, rein gefühlsmäßig schon.

Man muss sich umstellen, ich mich, diese Kolumne auch. War man noch vor wenigen Wochen umgeben von einem Geschwindigkeitsrausch, in dem man umher irrte, ist man nun in eine allgemeine Zeitlupe geraten. Eigentlich wäre die Sache ja jetzt ganz einfach: Man kauft etwas, wartet 20 Jahre und sieht dann, ob es das Richtige war. Nach dieser Variante macht einem doch sogar die Daimler-Chrysler-Aktie Spaß. Nur, eigentlich wollte diese Kolumne doch am spannenden Börsenfieber teilhaben.

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