Wirtschaft : Börsenfieber: Der Zauderer

Stephan Lebert

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Also Weihnachten. Da heißt es doch, dass man an Heiligabend die hektische Welt um sich herum vergessen soll. Dass man doch wenigstens für ein paar Tage besinnlich werden möchte. Wie, bitte, schreibt man in einer solchen Zeit eine Börsenkolumne?

Erste Möglichkeit: Man versucht gewissermaßen die Börse zu integrieren in die christliche Stimmung. Das müsste eigentlich klappen, denn Weihnachten hat doch bekanntlich auch sehr viel mit Konsum zu tun, mit Räuschen und Ideen. Daher die Frage: Gibt es an der Börse irgendwas, was man verschenken könnte?

Das Börsenspiel? Ist alt. Die zehn besten ntv-Börsensendungen auf Video? Vielleicht ein Handy mit den aktuellsten Kurswerten aus Japan? Na ja, das ist wohl auch kein so toller Einfall: Denn wer hat heute noch kein Handy? Es bleibt vermutlich nur das Aktienpaket, nett eingepackt, in einem fröhlichen Packpapier mit Engeln drauf. Als Symbol dazu ein kleiner Spielzeug-Mercedes, in dessen Fenstern die zusammengerollten Daimler-Chrysler-Aktien stecken. Aber: Sollen Geschenke nicht Freude machen? Und Aktien und Freude? Nee, das funktioniert zur Zeit nicht.

Zweite Möglichkeit: Man versucht die Börse zu ignorieren. Setzt sich etwa zu Hause still auf die Couch, lässt unbedingt Fernseher und Radio aus und liest ein Buch. Zum Beispiel: "Sebastian Haffner - Geschichte eines Deutschen, die Erinnerungen 1914 bis 1933." Ein vielgelobtes Buch, und dies völlig zu Recht. Es ist höchst klug und liest sich von der ersten Zeile an spannend. Ein Genuss.

Doch dann plötzlich kommt die Seite 56, Haffner ist erinnerungsmäßig gerade im Jahr 1923 angelangt, in dem Jahr der dramatischen wirtschaftlichen Unsicherheit. Er schreibt: "Plötzlich entdeckten Leute eine Insel der Sicherheit: Aktien. Das war die einzige Form der Geldanlage, die irgendwie der Geschwindigkeit standhielt. Nicht regelmäßig und nicht alle im gleichen Maße, aber sie schafften es ungefähr schrittzuhalten. Also ging man und kaufte Aktien. Jeder kleine Beamte, jeder Angestellte, jeder Schichtarbeiter wurde Aktionär. Man bezahlte seine täglichen Einkäufe, indem man Aktien verkaufte. An Zahltagen gab es einen allgemeinen Ansturm auf die Banken, und die Aktienkurse schossen himmelwärts wie die Raketen. Die Banken waren von Reichtum aufgeschwemmt. Unbekannte neue Banken schossen wie Pilze aus dem Boden und machten ein reißendes Geschäft. Täglich verschlang die ganze Bevölkerung den Börsenbericht. Manchmal stürzten einige der Aktien, und mit ihnen stürzten Tausende schreiend dem Abgrund entgegen. In jedem Land, jeder Fabrik, jeder Schule wurden einem Aktientips zugeflüstert."

1923. Das liest man, und die sorglose Ruhe auf der Couch ist dahin. Man weiß ja schließlich, wie es nach 1923 weitergegangen ist. Ist der hysterische Börsenboom samt folgenden Crasheinlagen möglicherweise ein Vorbote für schlimmere, ganz schlimme Zeiten? Ist die Börse das Stimmungsbarometer für bevorstehende Krisen? Mit solchen düsteren Gedanken sitzt man nun also in der weihnachtlichen Stube und stellt fest: Ignorieren geht auch nicht.

Die Börse ist eben überall. Und Weihnachten ja eigentlich auch. Wie bringt man nur diese beiden Dinge zusammen? Versprochen, wir werden es im kommenden Jahr nochmal versuchen.

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