Wirtschaft : Börsenfieber: Millionärs-Kinder

Thomas M. Pohlig ist Geschäftsführer bei

Sind wir doch mal ehrlich: Wer von uns hat schon als Säugling Aktien gekauft? Auch das erste Taschengeld ging für Barbies oder Matchbox-Autos drauf. Dann kamen das Moped, der Urlaub (der dann sowieso verregnet war), die erste Bude. All das war uns damals wichtiger. Das Geld hätten wir aber - hätte es uns nur einer so früh schon gesagt - besser in Aktien anlegen sollen. Das ist uns aber zu spekulativ gewesen. Oma hat auch gesagt, wir sollten immer was auf die Bank bringen und an Weihnachten die Zinsen nachtragen lassen. Manchmal hat Oma dann außer der Reihe noch etwas dazu gegeben. Aktien sind sowieso nur was für Großanleger, Industrielle oder sonstige Kapitalisten.

Heute wissen wir es besser. Heute gibt es den Neuen Markt, die Nasdaq, die Eurex. Immer mehr Broker und Wertpapierhandelshäuser bieten einen Handel im Internet an. Bisher ist der Handel mit Zeiten von sieben Uhr in der früh bis elf Uhr am Abend zwar noch etwas beschränkt möglich, aber bald wird es auch rund um die Uhr gehen. Da können wir Options und Futures kaufen, und Aktien, die uns gar nicht gehören,(leer-)verkaufen. Dafür bekommen wir Geld, mit dem wir sie später wieder zurückkaufen. Das wird eine Freude. Die Differenz ist Gewinn oder Verlust.

Wir handeln hin und her. Das freut uns. Manchmal gewinnen wir, oft aber auch nicht. (Hier sage ich bewußt gewinnen und nicht verdienen.) Auf jeden Fall gewinnen aber die "Rund um die Uhr für uns da"-Institute. Nämlich an unserem Spieltrieb. Verlierer sind der Job - in dem könnten wir wirklich Geld verdienen - und unsere Familie, mit der wir weniger Zeit verbringen. Auch wir verlieren - mindestens unsere Nerven.

Den Kindern aber sollten wir es besser beibringen. Da findet sich doch sicher ein Sparbuch oder ein Pfandbrief. Vielleicht auch ein pralles Sparschwein, das wir schlachten können. Oder nur die gute Absicht, es bei unseren Kindern besser zu machen. Weshalb wir ihnen in der nächsten Zeit mal den ein oder anderen Tausender zukommen lassen sollten.

Ohne Zeit und Nervenaufwand hätten wir mit deutschen Aktien im Durchschnitt der letzten 20 Jahre über 13 Prozent Rendite pro Jahr erzielen können. Das hätten wir sogar mit einem mittelmäßigen Aktienfonds geschafft, wie einer Statistik des Bundesverbandes Deutscher Investment-Gesellschaften vom 30. März dieses Jahres zu entnehmen ist. Ein professioneller Vermögensverwalter hätte sogar noch ein wesentlich besseres Ergebnis erzielen können.

Dabei hätten wir alle Höhen und Tiefen erlebt, die das Börsenleben so bietet: Lange Phasen des Kursaufschwungs, aber auch herbe Verluste von 30 Prozent des Gesamtvermögens innerhalb weniger Tage und Wochen. Denn es gab eine Inflation mit Pfandbrief-Renditen von zwölf Prozent sowie Zeiten, in denen wir schon die Deflation zu fürchten glaubten.

Nichts spricht dagegen, dass sich die Vergangenheit wiederholt. Wenn sie sich wiederholt, sollten wir doch wenigsten unseren Kindern ihre stressfreien Millionen gönnen. Unterstellen wir die gleichen Rendite, werden aus heute angelegten 1000 Mark in 60 Jahren 1,25 Millionen. Euro, versteht sich.

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