Wirtschaft : Börsenfieber: Rückendeckung aus New York

Der Autor ist Journalist,verwendet ein Pseudon

In den letzten Wochen, wir gestehen es, sind auch Profis nervös geworden. Dreht sich der Markt oder dreht er sich nicht? Was passiert, wenn Herr Greenspan weiter an der Zinsschraube dreht? Wird die sanfte Landung der US-Wirtschaft gelingen - und wenn nicht: Wären wir als Europäer davon auch betroffen? Überflüssig hinzuzufügen, dass die Helden des Neuen Marktes besonders irritiert waren. Doch die täglichen Ausschläge der Charts haben uns das Credo der Gelassenheit nicht madig machen können.

Um so dankbarer sind wir deshalb, dass jetzt die Zeitschrift "New Yorker", nicht gerade ein Leib- und Magenblatt für Zocker, Rückendeckung bietet. Wer es zur hohen Kunst der Aktionärsgelassenheit bringen will, sollte demnach drei Grundregeln beherrschen. Die wichtigst Regel zuerst: Kümmern Sie sich beim Aktienkauf nie darum, was das Unternehmen herstellt, dessen Anteilseigner Sie werden. Oder meinen Sie wirklich, Sie würden als Anleger klüger, wenn ihnen bekannt wäre, dass das Biotechunternehmen Amgen Inc. die Produkte Epogen, Neupogen und Infergen herstellt? Übrigens: Wenn wir in diesem Fall wüssten, was wir nicht wissen wollen, dann wüssten wir, dass es sich um Chemotherapeutika gegen heimtückische Krebsarten handelt. Dieses Wissen würden wir uns gerne erst dann aneignen, wenn jemand in unser Familie oder wir selbst es nötig haben. Als Aktionär reicht es mir, wenn der Vorstand etwas von der biotechnischen Sache versteht.

Damit sind wir bei der zweiten Regel: Kümmern Sie sich besser um den Namen der Aktie anstatt um das Produkt, und Sie bleiben ein zufriedener Anleger. Was haben Amazon.com, America Online und Amgen miteinander gemein? Nichts Unternehmerisches. Aber alle Namen beginnen mit "Am" und alle gelten als sehr erfolgreich. Daraus ergibt sich übrigens noch einmal zwingend ein Beleg dafür, dass all diejenigen, die sich um Cash Flow, Vorsteuergewinn und Marktanteile kümmern, nichts als Anfängerfehler machen. Noch ein Insidertipp zur Anleger-Kabbala: Kommt "System" oder "Micro" oder am besten beides im Namen vor, dann sollte man zugreifen. Oder was meinen Sie, haben Microsoft, Cisco Systems oder Sun Microsystems sonst gemeinsam.

Weil uns diese beiden Regeln besonders einleuchten, müssen wir zu unserem Bedauern dem "New Yorker" aber entschieden bei der dritten Regel widersprechen. Oder leuchtet Ihnen die Regel des "Dartboard Portfolios" ein? Was das ist? Hängen Sie in Ihr Büro die Kursseite des Tagesspiegel. Ziehen Sie dann in fünf Meter Entfernung eine Linie und bewaffnen Sie sich mit handelsüblichen Wurfpfeilen. Achten Sie darauf, dass kein Mitarbeiter in der Nähe ist. Was Sie treffen, wird gekauft. Und dieses Zufallsverfahren soll erfolgreicher sein als das Musterdepot meiner Direktbank? Das kann schon aus einem ganz einfachen Grund nicht sein: Was würde meine Bank sonst machen, wenn alle abgeklärten Anleger nach der Dartboard-Regel handeln würden?

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