Wirtschaft : Börsenfieber: Thomas M. Pohlig lässt sich nicht beunruhigen und erklärt, warum.

Thomas M. Pohlig ist Geschäftsführer bei

Freitag für Freitag schreiben auf dieser Seite unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen.

Neulich rief er wieder bei uns an, der Herr Schneider. Wir sollten sein Depot absichern, solange er im Urlaub ist. Eigentlich meldet er sich nie, schließlich hat er sein Geld zur Verwaltung in professionelle Hände gegeben. "Die haben 36 Prozent im letzten Jahr gemacht, aufs Gesamtvermögen versteht sich." Den Tipp hatte er von einem guten Freund. Und auch in diesem Jahr liegt er schon wieder deutlich vorn. Darüber ist er froh. "Die legen unser Geld langfristig in gute Werte an", hat er seiner Frau versichert. "Da können wir ruhig schlafen und müssen uns nicht selbst um etwas kümmern." Herr Schneider ist Chef einer sehr bedeutenden Firma für optoelektronische Geräte, ein begnadeter Wissenschaftler und ein Mensch bester Reputation in seiner Branche.

Natürlich interessiert ihn die Börse trotzdem, der Neue Markt, das ständige auf und ab, globaler Handel, 24 Stunden online sein - das geht! Das hat er neulich erst von seinem Zahnarzt - auf dem Stuhl liegend - bestätigt bekommen. Und der muss es wissen, der ist noch vermögender. Außerdem hört der natürlich wieder viel von anderen Patienten, die auch vermögend sind. Das Wartezimmer ist eine Art Informationsbörse für Privatpatienten geworden. Andere nimmt der Zahnarzt gar nicht mehr an, schon wegen der guten Informationen. Was andere nur in Chatrooms praktizieren, das ist hier Wirklichkeit geworden.

Big blue soll es in Zukunft deutlich besser gehen, Viagra war auch im letzten Quartal ein echter Blockbuster, Intershop bei 455 wieder ein klarer Kauf, China Telekom schon zu teuer... Aber, so ganz unter uns, von einem, der es wissen muss, der es aber nicht sagen durfte. Sie wissen schon, wegen der Insider-Kenntnisse. Der Tippgeber kennt nämlich einen, der ganz oben arbeitet, bei Schering, die haben ein Riesending vor, globale Sache, die muss man haben. Davon auf jeden Fall noch mal ein paar billige Stücke hinlegen.

Also, wie können Sie jetzt das Depot absichern. Puts kaufen, Futures verkaufen, Calls schreiben - irgendwie will man doch auch im Urlaub sicher sein und sich keine Gedanken machen müssen. Der normale Alltag ist doch schon hart genug, jeden Tag Wirtschaftszeitung, Börsenfernsehen, Börsenbriefe, Anlegermagazine.

Die kommenden drei Wochen sei er nicht erreichbar. Die Firma hat Betriebsferien, die Familie macht Urlaub. In Deutschland wolle man diesmal bleiben, wegen des Schwiegervaters. Damit man immer in der Nähe ist, wenn mal was ist. Wie Herrn Schneiders Vermögen so wird auch der Schwiegervater bestens betreut. Spezialisten seien das, erklärt er uns, in der besten deutschen Klinik. Erstklassige Mediziner versorgen ihn, er wird rund um die Uhr betreut. Dennoch wolle Herr Schneider auf Nummer sicher gehen und in der Nähe bleiben. Auch anrufen und mit den Ärzten sprechen, vielleicht auch mal selbst eingreifen...

Wir wünschen Herrn Schneider einen schönen Urlaub und hoffen, er findet seine verdiente Erholung ohne diverse Insider-Gespräche.

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