Wirtschaft : Börsenfieber: Was soll das nur bedeuten?

Stephan Lebert

Freitag für Freitag schreiben abwechselnd unsere Kolumnisten über ihr Leben mit den Kursen. Der Heißsporn, der ohne die tägliche Hektik nicht leben kann. Der Outsider, der die Macht der Börse im Alltag beobachtet. Der Zauderer, der den Aktienkauf bis heute nicht wagt. Und der Abgeklärte, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt.

Wieviel Millionen Mark diese Worte der Herren Struck und Schlauch wohl gerettet haben? Es war eine abendliche Pressekonferenz am Anfang dieser Woche, als die beiden Koalitionspolitiker verkündeten, dass es kein Moratorium in Sachen Import von embryonalen Stammzellen gibt. Ein Moratorium hätte bedeutet: Die eine oder andere Firma, die auf die Erforschung dieser Zellen setzt, wäre pleite gegangen oder hätte Einbußen zu verzeichnen gehabt. Wie darf man sich das vorstellen? Sitzen da verängstigte Manager und Forscher - und schauen Phönix: Bitte, bitte, lass sie nicht sagen, dass ...

Andererseits: Saßen anderswo in Deutschland vielleicht andere Forscher und Manager, die traurig waren über das Statement? Weil die Geschäfte mit der Entschlüsselung adulter Zellen machen wollen und durch ein Quasi-Verbot der Embryozellen profitiert hätten. Wie darf man sich das vorstellen? Möglicherweise hatten Struck und Schlauch dies alles im Kopf und vielleicht haben sie ja sogar deshalb nur diesen leisen Sowohl-Als-Auch-Appell an die Embryo-Forscher gerichtet, sie sollen doch bitte verantwortungsvoll und ethisch gut handeln.

Lange Rede, kurzer Sinn: Hinter nahezu jeder Meldung in der Zeitung steckt eine wirtschaftliche Dimension. Ein eher plumpes Beispiel wäre sogar der Wetterbericht. Heißt es da, dass der Sommer ganz herrlich wird, bedeutet dies etwa für die Aktien einer Firma, die ihr Hauptgeschäft mit Gummistiefeln macht, nichts Gutes. Oder hätte man schon vielleicht vor Monaten darüber nachdenken müssen, ob die Unruhen in Israel nicht beinahe zwangsläufig zur Krise einer Charterflug-Linie führen muss. Klar, wer will schon da hin, wo Krieg ist. Jetzt ist es so weit, der LTU scheint es an den Kragen zu gehen. Und die Türkei, was bedeutet ihr Wirtschaftssturz? Wer macht dort Geschäfte? Vielleicht wäre das eine Marktlücke: Nahezu jeder Meldung in der Zeitung wird die Börsendimension hinzugefügt. Für wen das vermutlich schlecht sein wird, wer profitiert. Plus und Minus. Noch ein Beispiel, ein kleines: Der Berliner Senat hält an der Modernisierung der Deutschlandhalle fest. Welche Firmen bekommen den Auftrag, welche gehen leer aus? Plötzlich hätten alle Zeitungsleser Insiderwissen.

Allerdings können auch Information zuweilen rätselhaft sein. Es dürstet einen nach Orientierung, in welche Richtung der Wirtschaftszug fährt. Eigentlich könnte dies eine Zeitschrift wie die "Wirtschaftswoche" sein, bekannt dafür, jedem Trend auf der Spur zu sein. Doch unlängst fanden wir eine Geschichte über Jäger, die bis zu 300 000 Mark ausgeben für eine Flinte und damit dann in Schottland Moorhühner abschießen. Wo ist die Börsenrelevanz? Geht es um die Waffenindustrie? Um Hühnerpreise? Oder ist es nur ein Wink dafür, dass die Zeiten noch kämpferischer werden? Bald werden allen alle Mittel recht sein. Ja, das wird es sein.

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