Wirtschaft : Börsenpsyche: Warum Top-Aktien besonders empfindlich getroffen werden

Tobias Moerschen

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Nach einer Gewinnwarnung stürzte der Aktienkurs des US-Computerherstellers Apple fast um die Hälfte ab. Kurz zuvor hatte Daimler-Chrysler eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Doch die Aktie reagierte genau umgekehrt: Der Kurs legte zu. Warum gehen die Anleger so unterschiedlich um mit den Gewinnwarnungen, die derzeit die Börsen erschüttern? Experten wie die US-Finanzmarktforscher David Dreman und Michael Berry suchen die Erklärung in der Psyche der Investoren. In einer umfassenden Studie fanden die beiden Experten heraus: Titel mit bislang überdurchschnittlicher Kursentwicklung reagieren ganz anders auf überraschende Ertragsmeldungen als Aktien, die sich schon seit langem im Sinkflug befinden. "Die Anleger rechnen offenbar mit positiven Gewinnüberraschungen bei Top-Aktien", fasst Dreman das Ergebnis der Untersuchung zusammen, die auf Kursdaten von 1331 US-Aktien über einen Zeitraum von 20 Jahren basiert. "Um so empfindlicher reagieren die Investoren, wenn ein Unternehmen ihre hohen Ansprüche enttäuscht." Die tiefere Ursache für solche Reaktionen sehen Forscher in der begrenzten Fähigkeit von Menschen zur korrekten Informationsauswertung. Positive und negative Trends werden häufig einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Die Rolle des Zufalls und die Wahrscheinlichkeit einer Trendumkehr werden vernachlässigt. Nach diesem Muster erhalten erfolgreiche Unternehmen an der Börse häufig ein übertrieben positives Gewinner-Image, argumentieren Dreman und Berry. Dies könne zu einer Überbewertung führen. Eine Gewinnwarnung könne das strahlende Bild schlagartig zum Einsturz bringen.

Unter Finanzökonomen stößt das psychologisch begründete Konzept auf Kritik. Denn hinter dem Ansatz steckt die Annahme, dass die Börse speziell bei Winner- und Loser-Aktien übertreibt. Das widerspricht der vorherrschenden Theorie, wonach der Markt immer Recht hat und alle Aktien jederzeit fair bewertet sind. Doch findet die so genannte Behavioral Finance, die psychologisch orientierte Finanzforschung, immer mehr Anhänger. "Contrarian Investing" (antizyklische Geldanlage) hat - das zeigen Langzeitstudien - überdies Erfolg. Erforderlich sind jedoch ein langer Atem, gute Nerven und eine breite Streuung des Kapitals. Denn längst nicht jede Verlierer-Aktie schafft die erhoffte Wende.

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