Börsenrückblick : Krisen, Turbulenzen und Rekorde

Ein ereignisreiches Börsenjahr geht zu Ende. Trotz aller Unwägbarkeiten glauben viele Analysten an Kurssteigerungen im Jahr 2017.

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Händler stoßen am 30.12.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) im Handelssaal der Börse mit Sekt auf den Abschluss des Jahres an.
Händler stoßen am 30.12.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) im Handelssaal der Börse mit Sekt auf den Abschluss des Jahres an.Foto: dpa

Diese Aktien hatten die wenigsten auf dem Schirm. Wer sie sich ins Depot geholt hat, kann sich freuen. Fast 1200 Prozent hat die Aktie des Immobilien-Unternehmens Solidare Real in diesem Jahr zugelegt – von neun Cent verteuerte sich die Aktie auf zeitweise fast 2,40 Euro. 1000 Prozent waren es bei der Berliner Auden, die sich an Start-ups beteiligt: von 46 Cent auf bis zu 6,30 Euro. Stattliche 300 Prozent sind es beim Münchner Straßenbelagsspezialisten Adinotec.

Aber Anleger mussten sich im Börsenjahr 2016 nicht auf solche Exoten konzentrieren, wenn sie ansehnliche Kursgewinne einfahren wollten. Auch im Deutschen Aktienindex Dax und in den etablierten Börsen-Segmenten Tec-Dax, M- und S-Dax bereiteten Aktien ihren Besitzern Freude. Obwohl das Börsenjahr alles andere als einfach war und nicht gebracht hat, was Experten gesagt hatten. 12 000, sogar 12 600 Punkte hatten einige für den Dax in Aussicht gestellt. Am Freitag notierte er bei 11481 Zählern.

Ein turbulentes Jahr geht zu Ende

Freilich: Den Brexit und die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten hatte kaum jemand auf der Rechnung. Dazu gesellten sich große Probleme der Banken: das Dauer- Tief bei den Zinsen, Terror-Anschläge und populistische Tendenzen. Zwar rutschte der Dax bis Juni auf 9268 ab – doch seitdem ging es mit Schwankungen kontinuierlich nach oben, allen Widerständen zum Trotz. Auch dank freundlicher Unterstützung durch die Europäische Zentralbank (EZB), die bis Ende November durch ihre Anleihekäufe fast 1,5 Billionen Euro in die Wirtschaft, den Bankensektor und die Finanzmärkte gepumpt hat. Ganz abgesehen vom Leitzins, der bei Null steht, und vom negativen Einlagenzins. Sparanlagen und Staatsanleihen werfen deshalb nichts ab.

Als Anfang Dezember klar war, dass die EZB 2017 eine weitere halbe Billion locker macht, war der Weg für die Jahresendrally frei. Mehr als 11 400 Dax-Zähler bedeuten ein Jahresplus von 6,5 Prozent. Nicht toll und kein Vergleich zur Börse an der Wall Street in New York, die von Rekord zu Rekord eilt. Der Dow-Jones-Index kratzt an der Marke von 20 000 Punkten. Trotzdem sind Anleger nicht unzufrieden, wenn sie denn bei Aktien mitmischen. Trotz Null-Zinsen bleiben die Deutschen Aktienmuffel, klagen das Deutsche Aktieninstitut (DAI), aber auch seriöse Geldhäuser, wie das Bankhaus Metzler. Wer langfristig für mindestens fünf, besser noch zehn Jahre anlegt, fährt mit Aktien aller Erfahrung nach gut.

Adidas ist 2016 mit mehr als 60 Prozent der größte Gewinner im Dax, in der zweiten Reihe ist es die Bayer-Abspaltung Covestro mit mehr als 95 Prozent. Der Kurs von Siltronic im Tec-Dax hat sich fast verdoppelt, gut 75 Prozent waren es bei Grammer, dem besten der kleineren Unternehmen. Die Liste der Verlierer führt die durch skandalöse Machenschaften in die Pleite gerutschte KTG Agrar an. Das Geld ist weg. Der Kurs rutschte von 14 Euro auf weniger als zwei Cent ab. Unschön war das Jahr auch für SMA Solar (minus 54 Prozent) und für Nordex (minus 37 Prozent). Unter den Dax-Titeln stehen Deutsche Bank, Commerzbank, Eon und ProSiebenSat 1 mit einem Minus von jeweils rund 20 Prozent.

Was bringt das neue Börsenjahr?

Was bringt das neue Börsenjahr? Wieder viele Unwägbarkeiten und damit starke Schwankungen, sagt Ulrich Stephan von der Deutschen Bank. Viele Augen werden sich auf die Politik richten – auf den neuen US-Präsidenten, auf die Wahlen in Frankreich, den Niederlanden, Italien und Deutschland. Dazu gesellt sich die nicht überwundene Staatsschuldenkrise in Euro-Land und die Probleme der Banken mit faulen Krediten, vor allem in Italien. „2017 wird das Jahr der Politik“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Auch er erwartet starke Schwankungen und rechnet doch Ende 2017 mit 11 700 Dax-Punkten.

Anhaltende Unsicherheiten, zumal nach den jüngsten Terroranschlägen, werden das Börsengeschehen bestimmen, glaubt auch Christian Kahler von der DZ Bank. „De facto aber dürfte Anlegern auch 2017 keine andere Wahl bleiben, als nach den Politikevents immer wieder an die Aktienmärkte zurückzukehren.“ Dem Dax traut er einen Anstieg auf 12 000 Punkte zu. „Auch 2017 wird von politischer Seite aufs Höchste spannend und bietet einiges an destruktivem Potenzial für die Finanzmärkte“, vermutet Eugen Keller vom Bankhaus Metzler. Und sieht doch die Chance, dass der Dax 11 500 Zähler schafft. Es könnten aber auch nur 9700 werden.

Wichtiger Motor des anhaltenden Aktienhochs bleibt die EZB, die bis Ende 2017 über den Kauf von Staatsanleihen weitere 780 Milliarden Euro in die Wirtschaft und den Finanzmarkt schleusen will. Die Zinsen bleiben niedrig, auch wenn „die Talsohle durchschritten ist“, wie Jens Wilhelm von Union Investment glaubt. Aber eine wirkliche Zinswende ist nicht in Sicht. Auch die Konjunkturperspektiven sind in Euroland, den USA und in den Schwellenländern nicht schlecht. Gestützt werden deutsche Exporteure, durch den schwachen Euro, der, sagen Volkswirte, auf die Parität zum Dollar abrutschen wird. Das macht andererseits Importe wie Öl teurer. Und dann werden allein die 30 Dax-Konzerne im Frühjahr die Rekordsumme von fast 31 Milliarden Euro an ihre Aktionäre ausschütten, rechnet Andreas Hürkamp von der Commerzbank vor. Er traut dem Dax auch deshalb 2017 sogar 12 600 Punkte zu. Es wäre neuer Rekord.

Unter diesen Vorzeichen rechnet kaum ein Beobachter mit einem Absturz der Kurse. Aber viele wollen sich nicht auf eine Zielmarke für den Dax festlegen. Sondern nennen, wie Oliver Roth vom Bankhaus Oddo Seydler, lieber eine Spanne. „Von 9500 bis 12 000 ist 2017 alles drin.“ Erfahrene Aktienanleger wie US-Milliardär Warren Buffett weigern sich generell, Prognosen abzugeben. Erfolgreich ist er an der Börse trotzdem.

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