Wirtschaft : Börsenturbulenzen: Zurück zum guten alten Sparbuch? (Leitartikel)

Alfons Frese

Rein oder raus? Die richtige Antwort auf die Frage ist viel wert. Soll man jetzt Aktien kaufen, weil die so schön günstig zu haben sind? Oder nichts wie weg von den verrückten Märkten, bevor die Verluste noch größer werden; also schnell alle Wertpapiere verkaufen, da die Unsicherheit an den Börsen größer wird und ein richtiger Crash wahrscheinlicher? Besser auf dem Sparbuch zwei Prozent Zinsen kassieren als am Neuen Markt den Einsatz verspielen - das könnte nunmehr das Kalkül der deutlich ärmer gewordenen Anleger sein, die den Marktplatz Börse mit einem Spielplatz verwechselt haben. Jede Neuemission geht ab wie eine Rakete - dieser Eindruck verbreitete sich nach der glänzenden Einführung der T-Aktie und insbesondere nach dem spektakulären Start der Siemens-Tochter Infineon.

An diesem teuren Missverständnis sind viele beteiligt: Die Anleger, die gierig und blind ins hohe Risiko gingen und der Kurs-Blase immer neuen Stoff gaben; die Banken, die im rasanten Tempo Unternehmen an die Börse brachten und dabei nicht immer gründlich prüften, ob die Firma wirklich börsenreif ist; die Anlageberater, die in der Hausse gute Geschäfte machen und davon leben, dass die Gelder weiter fließen; schließlich die Medien, insbesondere Anlagemagazine und TV-Formate, die wie besoffen auf die reich machenden Segnungen der Aktienmärkte hinwiesen und mit Kaufempfehlungen die Auflage oder Quote erhöhen. Wohl dem, der sich in den vergangenen Wochen nicht zu einem Kauf verleiten ließ.

Aber vielleicht ist ja alles auch gar nicht so schlimm. In den vergangenen drei Jahren, in denen immerhin Asien-Crash, Russland-Krise, ein Fonds-Zusammenbruch und die Angst vor der Jahr-2000-Katastrophe zu bewältigen waren, erholten sich die Aktien. Gegenwärtig jedoch belegen die enormen Schwankungen der Kurse die Unsicherheit der Märkte über die Zukunft. Wohin läuft die Weltwirtschaft? Geht mit der weichen Landung der US-Konjunktur auch die fünfjährige Aufschwungphase an den Börsen zu Ende?

Es waren fette Jahre, vor allem in den USA und insbesondere für Aktionäre: Die technologische Revolution des Internet ermöglichte große Produktivitätsfortschritte bei geringer Inflation; die gleichfalls geringen Zinsen sowie die Börsenhausse schufen hervorragende Voraussetzungen zur Finanzierung von Investitionen und damit weiteres Wachstum; die Rohstoffe - vor allem das Öl - waren billig und die Arbeitskosten blieben hinter der Produktivität zurück, sodass es auch reichlich neue Arbeitsplätze gab. Und jetzt? Die US-Wirtschaft kühlt ab, Japan versucht zum wiederholten Mal mit einem milliardenschweren Konjunkturprogramm aus der inzwischen zehnjährigen Stagnation zu kommen, und in Europa und Deutschland verschlechtern sich die Prognosen und Stimmungen von Woche zu Woche. Das Misstrauen der Märkte in die europäische Wirtschaft ist am deutlichsten am Kurs des Euro ablesbar.

Wohin also mit dem vielen Geld? Immerhin haben die Bundesbürger ein Geldvermögen von knapp sieben Billionen Mark auf der hohen Kante; nach der Statistik legte im vergangenen Jahr jeder Privathaushalt 7400 Mark neu an, und alles zusammengenommen hat jeder Haushalt ein Vermögen von gut 180 000 Mark. Wer diese 180 000 Mark am Neuen Markt angelegt hat, der ist gegenwärtig zu bedauern. Das muss nicht so bleiben. Aber bevor die Kurse steigen, müssen sie von unsinnigen Höhen runter kommen. Wie weit runter - das ist wieder eine der Fragen, bei denen die richtige Antwort viel Geld bringen kann.

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