Wirtschaft : Börsianer brauchen weiter starke Nerven

BERNHARD FRANK (HB)

Crash auf Raten: Am deutschen Aktienmarkt hat sich eine massive Verunsicherung breitgemacht, und der "Bären-Monat" Oktober steht erst noch bevor.Die Analysten von HSBC Trinkaus sehen die derzeitige Baisse aber nicht ganz so dramatisch, denn sie setzen sie in einen Vergleich mit früheren drastischen Kursrückgängen am deutschen Aktienmarkt."Der derzeitige Kursverfall stellt hinsichtlich des Ausmaßes nichts Ungewöhnliches dar", heißt es in einer Studie des Privatbankhauses.Das klingt eher beruhigend, aber: "Das historische Muster legt allerdings nahe, daß die Baisse noch einige Zeit anhalten könnte." Die Analysten gehen dabei aber nicht von einem anhaltenden Crash-Szenario aus, sondern rechnen mit einer Seitwärts- und mittelfristig einer Aufwärtsbewegung des Dax.

Der wesentliche Unterschied zu den Baissen seit 1987 liege heute darin, daß Zinssteigerungen zur Zeit nicht vorliegen, sondern die Renditen historisch tief sind."In den USA könnten im kurzfristigen Bereich sogar erhebliche Potentiale für Zinssenkungen bestehen", so HSBC Trinkaus.

Die Experten rücken vier Baissephasen aus der Vergangenheit in den Blick: Oktober 1987 mit Kursverlusten in der Spitze von 39,8 Prozent und einer Dauer von knapp drei Monaten; August/September 1990 (Kursverluste 32,1 Prozent, gut zwei Monate); August/September 1992 (minus 21,6 Prozent, gut vier Monate); August/Oktober 1997 (minus 19,6 Prozent, drei Monate).Bei den drei Baissephasen von 1987, 1990 und 1992 spielten Zinssteigerungen eine entscheidende Rolle, 1997 und 1998 werden in erster Linie Ertragssorgen der Unternehmen genannt.Allen gemeinsam ist, daß sie im Spätsommer/Herbst auftraten, "und zwar insbesondere dann, wenn die Monate zuvor eine deutlich überdurchschnittliche Performance aufwiesen".Das Ausmaß der Kursverluste schwankte zwischen 20 und 40 Prozent, die Dauer zwischen zwei und vier Monaten, wonach in der Regel längere Phasen der Bodenbildung folgten.Wegen der Gefahr einer Ausweitung der Finanzkrise auf Lateinamerika und infolgedessen weitere Aktienkursverluste und steigende Rezessionswahrscheinlichkeit in den USA (dazu ein schwächerer Dollar) müsse inzwischen ein erhöhtes Risiko für ein pessimistischeres Szenario einkalkuliert werden.

In der am 15.September abgeschlossenen Studie zählt HSBC Trinkaus die Branchen auf, die davon am stärksten betroffen wären: Autos, Banken, Maschinenbau und Metalle.In mittlerem Maße betroffen wären Bau, Chemie, Elektro, Pharma, Konsum, Medien sowie Transporte/Dienstleistungen.Nur wenig betroffen wären nach Einschätzung der Experten Einzelhandel, Energieversorger, Telekommunikation und Versicherungen.Weitere Gefahren lägen darüber hinaus in einer Verschärfung der Bankenkrise in Japan und in einer Abwertung der chinesischen Währung.Dem Ausgang der Bundestagswahl mißt HSBC Trinkaus dagegen nur geringen Einfluß bei.

Aktienstratege Thomas Teetz nennt für das pessimistische Szenario eine Rückschlagsgefahr beim Dax bis auf einen Stand von 4000 Punkten.Fair bewertet sieht HSBC Trinkaus den Dax aber selbst im Falle einer Stagnation der Unternehmensgewinne bei rund 5100 Punkten.

In ihrer Anlageempfehlung stellen die HSBC-Experten die Dax-Branchen Versicherungen, Elektro/Software, Maschinenbau und Einzelhandel auf übergewichten, dagegen Banken, Metalle, Bau und Telekommunikation auf untergewichten.Werte wie Adidas-Salomon, BMW, Bayer, Karstadt, SAP, Schering, Veba und Viag werden zum Kauf empfohlen, Daimler-Benz, Deutsche Bank, Linde, Lufthansa, Metro, Siemens und VW zum Aufstocken.Das Dax-Ziel bis Ende Juni des kommenden Jahres wird von HSBC auf 6000 Punkte gesetzt.

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