Wirtschaft : Böse Miene zum bösen Spiel - die Bundesregierung sucht einen Schuldigen

Stephan-Andreas Casdorff

Er ist öffentlich, in jeder Beziehung. Die Kameras lichten jede Regung ab. Er ist nicht immer in Laune. Die Mundwinkel nach unten, den Unterkiefer vorgeschoben - so zeigt er Anspannung, kontrollierte Wut. In diesen Tagen kann man sie gut sehen, im Fernsehen und in der Wirklichkeit: Gerhard Schröders wechselnde Gesichter.

Die Jecken sind abgezogen, der Rausch ist verflogen. Es kommen die Fastentage, dazu kommt diese allseits ernüchternde Lage. "Politik ist härter geworden", hat der Kanzler vor kurzem einer jungen Frau aus Neuruppin auf einen Artikel geschrieben, den sie ihm erwartungsvoll für ein Autogramm hinhielt. Das war vorher: vor dem harten Kampf darum, wer demnächst den Internationalen Währungsfonds als Geschäftsführender Direktor führen darf. Im Nachhinein wirkt Schröders Satz recht ahnungsvoll.

So ist die Lage, und es sind wirklich ernüchternde Tage: Caio Koch-Weser, der sechssprachige, elegante, in der Welt bewanderte und dafür bei Amtsantritt im Finanzministerium bewunderte Staatssekretär, hat aufgegeben. Er fühlte sich allein gelassen, von Anfang an. Und zum Schluss musste er sogar für die Bundesregierung lügen.

Schließlich war Koch-Wesers Brief, in dem er seine IWF-Kandidatur zurückzog, längst geschrieben. Längst war auch in der "Welt am Sonntag" darüber berichtet worden, als andere seine Bewerbung noch öffentlich aufrechterhielten. Nur Zeit gewinnen - der Regierungssprecher und die anderen "spin doctors" im Hintergrund gaben der Sache dafür noch einmal diesen Dreh. Denn in Washington lag schon eine Liste mit neuen Namen vor.

"Selbstbewusst die eigenen Interessen vertreten", das ist ein Leitspruch der Regierung Schröder. Ein Leitspruch ihres Chefs, der von Amts wegen die Richtlinienkompetenz hat. Viele befolgen die Richtlinie, nicht jeder hat die Kompetenz. Genau darum geht es in diesen Tagen: Wer für die Fehler Verantwortung trägt. Hans Eichel, der Finanzminister - hat er mit den Europäern im Vorfeld ausreichend Absprachen getroffen? Michael Steiner, der außenpolitische Berater des Kanzlers - hat er alle Zwischentöne aus den USA richtig gehört? Das ist die interne Linie des Kanzlers: Wenn alles gut läuft, haben seine Mitarbeiter ihren Freiraum. Wenn nicht, dann erleben sie Schröders anderes Gesicht.

Caio Koch-Weser mochte schließlich nicht mehr. Er fand, am Ende, das Verfahren der Auswahl bis zur entscheidenen Wahl im Währungsfonds entwürdigend. Das hat er dann sogar geschrieben. Dabei hatte er durchhalten wollen, und das deutsche Interesse wäre gewesen, ihn zu unterstützen. Koch-Weser warb über Wochen für sich - in den Gremien des Währungsfonds begann Deutschland damit so richtig erst in der vergangenen Woche. Als es zu spät war. Als intern sein Name schon nicht mehr gehandelt wurde. Im Finanzministerium, das für alle deutschen Mitarbeiter im IWF verantwortlich ist, wird das zum Thema werden.

Aber da war schon alles falsch gelaufen. Die Bundesregierung hatte nach der internen Auswahl einen Kandidaten vorgeschlagen, der ein Fachmann ist - sie hatte schlicht gedacht, das reicht. Koch-Weser: ein Mann von Welt, der in Brasilien aufgewachsen ist und bei der Weltbank gearbeitet hat. Die skeptischen Töne in Europa, in London, in Paris, wurden zur Kenntnis, aber nicht ernst genommen. Dass Deutschland ihn vorstellt, sollte den Europäern genügen. Das Vorschlagsrecht als Recht auf Bevormundung? Ziemlich selbstbewusst, wie die Deutschen ihr Interesse vertraten. Ganz wie sonst die Amerikaner.

Und dann kamen sie, die Amerikaner. Deren Hinweise waren überhört oder falsch verstanden worden. Weder Larry Summers, der Finanzminister, noch Sandy Berger, der Sicherheitsberater, und schon gar nicht der Chef im Weißen Haus hatten den Deutschen in Aussicht gestellt, die Qualifikation ihres Kandidaten reiche aus. Die ihr Geschäft verstehen, die Experten sind, die hätten es gewusst: Die Weltbank ist eine "weiche" Organisation, der Entwicklungspolitik zugeneigt. Der IWF aber ist hart, weniger sozial als marktwirtschaftlich. Und so soll es bleiben. Das erklärt in diesem Fall die Härte der US-Politik. Unter anderem.

Politik ist auch eine Frage des Managements. Doch nicht einmal bei den Entwicklungsländern wurde für Koch-Weser ausreichend "Lobbying" betrieben. Dass der Iran im IWF eine sehr wichtige Rolle spielt, dass dessen Vertreter dort jederzeit auf kurzem Wege mit seinem Präsidenten sprechen kann, und dass im Vorfeld des Besuchs von Außenminister Joschka Fischer in Teheran vielleicht diese Gelegenheit hätte genutzt werden können - dieser Gedanke kam für den deutschen Kandidaten zu spät.

"A German would suit me", "ein Deutscher wäre mir recht", wird Bill Clinton von Gerhard Schröders deutschen "spin doctors" zitiert. Das erste Mal hat man ihn missinterpretiert: ein Deutscher ja, aber nicht dieser, nicht Koch-Weser. Vielleicht auch nicht der nächste, der Horst Köhler heißt? Er ist noch nicht nominiert, sein Name wird aber schon viel diskutiert. Und wieder gibt es Hinweise, aus Paris, aus London, auch aus Rom, und aufs Neue klingt er an, dieser leise warnende Ton. Am Montag soll beim Treffen der europäischen Finanzminister erörtert, verhandelt werden, ob der Deutsche Köhler wirklich für Europa steht. Und die Amerikaner? Die halten sich zurück, jedenfalls offiziell.

Informell allerdings sind sie schnell. Als Erstes hatten sie die europäischen Partner wissen lassen, da sei ein neuer deutscher Kandidat. Gerhard Schröder musste dafür länger warten. Sein Gespräch mit Bill Clinton kam gerade erst zustande - hier zeigt er sich, der wahre Amerikaner. Und der amerikanische Präsident wurde gestern vom deutschen Regierungssprecher so zitiert: Clinton habe den Vorschlag mit "positivem Interesse" entgegengenommen. Von Emphase zu sprechen, wäre wohl übertrieben.

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