Wirtschaft : Boomende Wirtschaft, bröckelnde Bauten

Kubas Wirtschaft wächst so kräftig wie nie – das hilft auch deutschen Firmen

Knut Henkel

Hamburg - Im Hafen von Havanna herrscht Hochbetrieb. Container mit Kühlschränken, Haushaltswaren und Energiesparlampen aus Fernost treffen genauso ein wie Dieselaggregate, Antennen und Ausrüstungen made in Germany. Sie sind für die alten kubanischen Kraftwerke bestimmt, denn auf Kuba wird modernisiert. Fidel Castro hat 2006 zum „Jahr der energetischen Revolution“ erklärt – und der Bevölkerung versprochen, dass die Stromabschaltungen bald der Vergangenheit angehören werden.

Die kubanische Wirtschaft wächst so kräftig wie noch nie in den 47 Jahren seit Beginn der Revolution. Um satte 12,5 Prozent hat die Ökonomie im ersten Halbjahr 2006 zugelegt.

Der Máximo Líder Fidel Castro, der seinen achtzigsten Geburtstag am heutigen Sonntag im Krankenhaus feiert, hat diesen Wirtschaftsboom auch der brüderlichen Hilfe aus Venezuela zu verdanken. Mit Hilfe seines Freundes Hugo Chávez könnte er auch sein Versprechen erfüllen, den Stromnotstand zu beenden. Der venezolanische Präsident lässt jeden Tag 90 000 Barrel (ein Barrel à 159 Liter) Erdöl nach Kuba verfrachten. Zusammen mit der Eigenförderung von rund 60 000 Barrel ist der kubanische Energiebedarf damit locker gedeckt. Obendrein soll die generierte Energie aber auch effizienter genutzt werden. Deshalb werden stromfressende Kühlschränke aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts genauso wie veraltete Ventilatoren oder Herdplatten aus den Haushalten eliminiert.

Dass diese Investitionen sich bezahlt machen, hat Fidel Castro seinen Landsleuten immer wieder vorgerechnet. Eine Milliarde US-Dollar sollen pro Jahr durch die effizientere Energienutzung und -generation eingespart werden, sagte er. Darum werde die Regierung in Havanna bald frisches Geld für Folgeinvestitionen in den Händen haben.

Der Bedarf ist immens. Nicht nur, dass die Bausubstanz in Havanna bröckelt; auch die Infrastruktur bedarf gehöriger Investitionen, sagt Frank Seifert. Der Hamburger Jurist, der Unternehmen bei Auslandsinvestitionen in sozialistischen Ländern berät, ist seit Mitte der 90er-Jahre regelmäßig auf der Insel. Mittelfristig gute Perspektiven sieht Seifert für deutsche Unternehmen. „Der Modernisierungsbedarf bei den Produktionsmitteln und in der Infrastruktur ist gewaltig“. Das könnte auch deutschen Firmen Aufträge für viele Jahre bescheren. Schon jetzt ist Deutschland der fünftgrößte Handelspartner Kubas. Für Ausländer bietet die Insel interessante Perspektiven. Seifert nennt als Beispiel die Biotechnologie. „In einigen Bereichen sind die Kubaner weltweit führend und Kooperationen auch für deutsche Unternehmen durchaus interessant.“ Mit Oncoscience aus Wedel bei Hamburg ist bereits eine deutsche Biotechnologiefirma im Geschäft. Inhaber Ferdinand Bach hat die Lizenz für ein kubanisches Krebspräparat erworben und ist hochzufrieden mit der bisherigen Kooperation.

„Zusammenarbeit mit internationalen Unternehmen ist das Erfolgsrezept, um auf den internationalen Markt zu kommen“, sagt Omar Everleny, Sozialwissenschaftler der Universität von Havanna. Für Everleny ist die medizinisch-pharmazeutische Forschung die zentrale Zukunftsoption für die kubanische Wirtschaft. Die ist längst nicht mehr von Zuckerrohr, Zitrusfrüchten, Tabak und Rum geprägt, sondern wird mehr und mehr von Pharma, Tourismus und Nickel dominiert.

Allein im vergangenen Jahr kamen 2,3 Millionen Touristen auf die Insel, zwölf Prozent mehr als noch im Vorjahr. Auch als Rohstofflieferant muss sich Kuba nicht verstecken. Das Land mit den drittgrößten Nickelvorkommen der Welt fördert pro Jahr 70 000 Tonnen und profitiert derzeit von den hohen Weltmarktpreisen. Dadurch fließen viele harte US-Dollars ins Land.

Von dem Wirtschaftsboom kommt bei der Bevölkerung allerdings nur wenig an. Grund ist die stark verbreitete Korruption und der latente Schwund in den öffentlichen Versorgungseinrichtungen, die Fidel Castro in vielen Reden beklagt hat und die die Regierung mit Kampagnen einzudämmen sucht. Noch muss die Bevölkerung auf den Bauernmärkten viel Geld für ihre Lebensmittel bezahlen. Hier versorgen sich Menschen, wenn die Produkte, die sie per Rationierungskarte, der berühmten Libreta, zugeteilt bekommen, verzehrt sind.

Die staatlichen Dollar-Supermärkte sind für Durchschnittskubaner dagegen unerschwinglich. Eine Flasche Speiseöl kostet hier umgerechnet zwei US-Dollar. Das ist ungefähr ein Fünftel dessen, was ein Kubaner nach offiziellen Zahlen im Monat verdient.

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