Bosch-Chef Volkmar Denner im Interview : „Wir haben die Krawattenpflicht abgeschafft“

Bosch-Chef Volkmar Denner im Tagesspiegel-Interview über intelligente Roboter, Start-up-Kultur im Traditionskonzern und die Zukunft des Elektroautos.

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Herr Denner, kürzlich wurde in einer Autofabrik ein Arbeiter von einem Roboter getötet. Gerät da etwas außer Kontrolle in der Industrie 4.0?

Eine solche Nachricht ist natürlich schockierend. Aber wie immer bei Arbeitsunfällen sollte man genau analysieren, bevor man schnelle Schlüsse zieht.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich Menschen vor der Digitalisierung der Arbeitsprozesse fürchten?

Ich halte das für übertrieben. Herkömmliche Roboter arbeiten – aus gutem Grund – hinter Schutzzäunen. Die Industrie setzt sie für Arbeitsgänge ein, die für den Menschen gefährlich oder beschwerlich sind. Die Entwicklung geht weiter: Von Bosch stammt eine neue Robotergeneration, die mit einer Sensorhaut umgeben ist. Dieser Roboter erkennt, wenn ihm ein Mensch zu nahe kommt, stoppt dann in seiner Bewegung und vermeidet so Verletzungen.

In der Fabrik des Industriezeitalters 4.0 werden womöglich gar keine Menschen mehr arbeiten.

Da täuschen Sie sich. Auch die IG Metall sieht das übrigens anders. Industrie 4.0 und die vernetzte Produktion sind eine große Chance für den Hochkostenstandort Deutschland. Je produktiver wir werden, desto mehr Arbeitsplätze können wir im Land halten.

Für die Qualifizierten. Und die anderen?

Uns muss klar sein, dass sich die Qualifikationen ändern. Einfache Tätigkeiten können durch Roboter ersetzt werden. Menschen werden künftig weiterhin dort eingesetzt werden, wo sie ihre Talente am besten entfalten können. Moderne Roboter können mit Menschen Hand in Hand arbeiten, zum Beispiel in unserem Werk in Bamberg in der Fertigung von Einspritzkomponenten. Mehr Produktivität können wir nicht nur durch mehr Automation erreichen, sondern auch durch eine verstärkte Vernetzung. Beide Trends ziehen zufällig zur gleichen Zeit in unsere Fabrikhallen ein.

Digitalisierung als letzte Chance für den Hochlohnstandort Deutschland?
Sicher nicht die letzte Chance. Aber wir müssen sie nutzen. Wir brauchen eine öffentliche Diskussion in Deutschland: Wo sind wir wirklich stark, wie können wir Beschäftigung halten? Was bedeutet das zum Beispiel auch für die Bildungslandschaft? Ich mache mir da Sorgen.

Inwiefern?

Zwei Themen werden für Deutschland künftig sehr wichtig: Kreativität und systemisches Denken. Beides kommt in der Ausbildung – also in der Schule, der Hochschule und der beruflichen Bildung – viel zu kurz. Deshalb ermutige ich unsere Mitarbeiter, kreativ zu sein. Ich fordere alle Geschäftsbereiche und Regionen jedes Jahr einmal auf, kreative Ideen für den Aufbau neuer Geschäfte außerhalb des bisherigen Portfolios vorzulegen und sich um ihre Finanzierung zu bewerben. Dafür stellen wir jährlich rund 500 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung.

Bosch wird kommendes Jahr 130 Jahre alt. Gut die Hälfte des Umsatzes wird im Autozuliefergeschäft gemacht. Sie versuchen, eine Start-up-Mentalität in den Konzern zu tragen. Ecken Sie da nicht an?

Ich habe schon immer so bei Bosch gearbeitet: das Klassische weiterentwickeln und zugleich etwas Neues hinzu bauen. Natürlich ist das ein Spagat. Man muss dem klassischen Bereich, der das Geld verdient, die verdiente Wertschätzung zukommen lassen und zugleich die Start- ups ermutigen. Ich habe das nie als einen Konflikt der Kulturen empfunden.

Flipflops statt Krawatte?

Wenn Sie so wollen, auch das. Wir haben in der Tat die Krawattenpflicht abgeschafft. Man sollte jetzt aber auch nicht ins Gegenteil verfallen und glauben, dass Krawattenträger per se von gestern sind. Das sind nur Äußerlichkeiten. Es geht um Freiräume, nicht nur gedankliche. Diese Start-up-Kultur versuchen wir auch auf die klassischen Bosch-Bereiche auszudehnen. Das wird die Kraft von Bosch in der Zukunft ausmachen.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir haben die Fahrerassistenzsysteme für Tesla in der Hälfte der sonst üblichen Zeit entwickelt. Mit einer Mannschaft, die eigentlich den Takt aus dem Autobereich gewohnt war. Mit einem anderen Kunden, einer anderen Führung und einer Start-up-Motivation hat es funktioniert. Ein anderes Beispiel zeigt, was ich mit Kreativität meine: Die Lambdasonde aus dem Automobilbereich im Backofen. Darauf bin ich besonders stolz. Unsere Ingenieure sind auf die Idee gekommen, dass man eine Sonde, die den Sauerstoff in Abgasen misst, auch im Backofen einsetzen kann – um anzuzeigen, wie weit der Braten oder der Kuchen sind.

Wie attraktiv ist die Berliner Start-up- Szene für Bosch?

Im Rahmen unserer „Internet der Dinge-Strategie haben wir schon kräftig in Berlin investiert und hinzugekauft. Zum Beispiel den Softwarespezialisten Inubit, der in unserem Software- und Systemhaus Bosch Software Innovations aufgegangen ist. Berlin ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie man sich kreativ weiterentwickeln kann: Wer hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass es in dieser Stadt einmal eine so große Start-up- und IT- Szene geben würde? Überraschend und faszinierend zugleich.

Bosch hat bei der Fotovoltaik geglaubt, es sei ein gutes Geschäft – und musste sich teuer davon trennen. Was macht Sie sicher, dass Ihre 500 Millionen Euro bei den Start-ups gut angelegt sind?

Innovation ist immer riskant. Wir investieren aber nicht nur in hochriskante Bereiche oder nur in Start-ups. Das wäre nicht zu verantworten. Wir sorgen für eine gute Risikostreuung. Grundsätzlich ist unser Anspruch, Innovationsführer in unseren Arbeitsgebieten zu sein. Deshalb geben wir insgesamt rund zehn Prozent unseres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus.

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