Boykott : Milchbauern setzten Aktion fort

Nach kurzer Entspannung eskaliert der Streit um höhere Milchpreise wieder. Der Deutsche Bauernverband kündigte am Dienstagabend unbefristete Aktionen an.

Milchkuh
Die deutschen Milchbauern machen ernst: Mit einem Lieferboykott protestieren sie gegen die aus ihrer Sicht zu niedrigen...Foto: dpa

Hamburg/BerlinDer Bauernverband und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) warfen dem Milchindustrieverband vor, sich Verhandlungen zu verweigern. Eine entsprechende Einladung der Milchviehhalter sei nicht angenommen worden, eine 48-Stunden-Frist verstrichen. Milch- und Bauernverband reagierten umgehend und forderten die Bauern auf, ihre Boykottmaßnahmen gezielt vor Einzelhandels-Zentralen fortzusetzen. Ziel war am Dienstagabend zunächst die Rewe-Zentrale in Köln. Vor dem Gebäude des Discounters Norma in Fürth zog ein Mahnwache mit zwei Kühen auf. Außerdem wollten die Bauern vor Aldi Nord in Essen demonstrieren. Die Bauern wollen mit dem seit einer Woche andauernden Lieferboykott den Handel treffen und so einen Milchpreis von mindestens 40 Cent je Liter erzwingen.

Zeichen der Verhandlungsbereitschaft

Der Verband der Milchbauern unterstrich, um ein Zeichen für eine verantwortungsvolle Kooperation zu setzen und um die sich zuspitzende Situation auf dem Lande zu entspannen, habe der Verband dazu aufgerufen, dass alle Milcherzeuger vor den Molkereien die Zu- und Abfahrtswege der Molkereien räumen sollten. Dies sei vom Milchindustrie-Verband verantwortungslos - auch gegen die Interessen der Verbraucher - ignoriert worden.

Der Boykott der Milchbauern spürten die Verbraucher am Dienstag zum ersten Mal in den Kühlregalen. In einigen Supermärkten wurde die Milch knapp. Am Nachmittag hatte der Milchbauernverband zunächst zur Räumung der Blockaden aufgerufen, um die Situation zu entspannen. "Wir empfehlen, vor den Molkereien eine Eskalation zu vermeiden, damit wir zu vernünftigen, sachlichen Gesprächen kommen", sagte Franz Grosse vom BDM am Dienstag in Berlin. Die Milchindustrie hatte wegen der Blockaden mit juristischen Schritten gedroht. Beim Einzelhandelsverband HDE hieß es, Lieferengpässe von größerem Ausmaß seien in absehbarer Zeit nicht zu befürchten.

Blockaden wurden vielerorts wieder geräumt

Am Nachmittag begannen die protestierenden Bauern vielerorts, die Blockaden vor den Molkereien wieder zu räumen. So machten die ersten Traktorfahrer die Zufahrt zur rheinland-pfälzischen Großmolkerei Milch-Union Hocheifel (MUH) in Pronsfeld wieder frei, die die Produktion wegen der Blockade eingestellt hatte. Die Bauern sollen laut Empfehlung des BDM weiter vor Ort Präsenz zeigen, die Zufahrt zu den Werken aber nicht versperren. Der Verband teilte mit, seinen bundesweiten Liefer-Boykott fortsetzen zu wollen, und trat damit Berichten über ein Ende des Lieferstopps entgegen. Derzeit bleibe etwa 80 Prozent der Milch auf den Höfen, rund 70 Prozent der Milchbauern seien beteiligt.

Ihre Blockaden lösten die Bauern nicht überall aus freien Stücken auf: Am Nordmilch-Werk in Edewecht seien ihnen Schadensersatzforderungen in Höhe von einer halben Million Euro angedroht worden, sagte Protest-Organisator Heinrich Rauert. Nordmilch hat nach eigenen Angaben Verluste im zweistelligen Millionenbereich erlitten.

Erste Versorgungslücken in den Supermärkten

Boykott und Blockaden zeigten in einzelnen Supermärkten Wirkung: "Es steht nicht mehr in jedem Markt und in jeder Region das volle Sortiment an Milchprodukten zur Verfügung. Wie sich die Situation weiter entwickelt, können wir nicht vorhersagen", sagte Alexander Lüders, Sprecher des größten deutschen Lebensmittel-Einzelhändlers Edeka. Der Süden Deutschlands sei stärker betroffen als der Norden. Auch in einigen Läden des drittgrößten deutschen Discounters Plus gab es Engpässe, bestätigte eine Sprecherin der Tengelmann-Tochter. Die Handelskette Globus rechnet spätestens von Montag an mit Versorgungslücken.

Edeka-Sprecher Lüders zeigte sich offen für Verhandlungen über einen höheren Milchpreis. "Generell sind wir zu Gesprächen bereit, auf der Grundlage marktwirtschaftlicher Gesetze." Am Montagabend hatten sich Vertreter der Bauern und des Handels zu einem ersten Gespräch getroffen. "Die Molkereien müssen jetzt auf die einzelnen Handelsunternehmen zugehen", hatte Bauernverbands-Sprecher Michael Lohse im Anschluss gesagt. Weitere Stellungnahmen lehnten die Verbände ab.

"Die Boykotte sind illegal"

Die Milchindustrie drohte den Bauern derweil mit Klagen. "Die Boykotte sind illegal. Und Illegales muss man mit dem Gesetz bekämpfen", sagte Eberhard Hetzner, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Der Verband werde seinen Mitgliedern empfehlen, juristisch gegen Boykotte vorzugehen.

Eine Sprecherin des Bundeskartellamts sagte: "Wir prüfen gerade, ob der Aufruf des Bundesverbands der Milchviehhalter zum Lieferstopp als Boykottaufruf zu werten ist." Das wäre nach Paragraf 21 des Wettbewerbsgesetzes rechtswidrig. (sba/dpa)

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