BP-Statistik : Gas ist zu teuer in Deutschland

Deutsche Gaskunden zahlen im internationalen Vergleich zu viel für Gas. Während die Preise auf freien Märkten in anderen Industrieländern im Zuge der Weltwirtschaftskrise stark einbrachen, sanken sie in Deutschland nur moderat.

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Berlin - Deutsche Gaskunden zahlen im internationalen Vergleich zu viel für Gas. Während die Preise auf freien Märkten in anderen Industrieländern im Zuge der Weltwirtschaftskrise stark einbrachen, sanken sie in Deutschland nur moderat. Das ist eine zentrale These der BP Statistical Review of World Energy 2010, eines jährlich aktualisierten Standardwerks der Energiebranche, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Demnach lagen die Preise im vergangenen Jahr auf den freien Gasmärkten der Industrieländer USA, Großbritannien und Kanada um durchschnittlich 55 bis 60 Prozent unter denen des Vorjahres. In Deutschland fielen die Importpreise für Erdgas dagegen innerhalb eines Jahres nur um durchschnittlich 26 Prozent.

Dafür gibt es einige Gründe: Die deutschen Gasimporteure beziehen traditionell viel Erdgas über Pipelines – und zwar zu Verträgen mit bis zu 30 Jahren Laufzeit, die Gaspreise sind dabei meist an die Entwicklung des Ölpreises gekoppelt. Diese Kopplung machte lange Sinn, da Gas über Pipelines lediglich von Ort A nach Ort B transportiert wird, ohne über eine Börse gehandelt zu werden. Öl, das leichter in alle Welt transportiert werden kann, wird dagegen frei an Börsen gehandelt und diente Gashändlern lange als Orientierung bei der Preisgebung.

Dieses Prinzip der Ölpreisbindung löst sich aber immer mehr auf. Das liegt an dem stetig steigenden Anteil an verflüssigtem Erdgas, in der Branche LNG (liquefied natural gas) genannt, das wie Öl mit Schiffen und auf der Schiene transportiert und ebenso wie Öl frei an Börsen gehandelt werden kann. Der Anteil dieses Flüssigerdgases am weltweiten Gashandel betrug 2009 immerhin schon 28 Prozent. Amerikaner wie Briten sind deutlich stärker in das Geschäft mit LNG eingestiegen, was dazu führte, dass Gaskunden in dort stärker von einbrechenden Energiepreisen profitieren konnten als deutsche Importeure mit ihren recht unbeweglichen Pipeline-Verträgen.

Ein weiterer Faktor ist, dass die USA in den vergangenen Jahren Techniken entwickelt haben, um Gas aus Gesteinsschichten zu fördern, die bisher als nicht erschließbar galten. So konnten die USA in den vergangenen zehn Jahren ihre nachgewiesenen Gasreserven um fast 50 Prozent steigern und sind immer weniger von Importen abhängig. Deutschland ist stark abhängig von Importen aus Russland und Norwegen, 87 Prozent des Gases müssen importiert werden. Auch in Norddeutschland gibt es ähnliche Formationen wie in den USA, allerdings wurden diese Quellen bisher nicht ausgebeutet.

„Diese jüngsten Entwicklungen auf den Gasmärkten beschleunigen die Integration der globalen Märkte und stellen gleichzeitig die traditionellen europäischen Handels- und Preisstrukturen infrage“, sagte Christof Rühl, Chefvolkswirt des britischen BP-Konzerns, bei der Vorstellung des Jahresberichtes.

Auch in Deutschland steigt langsam der Anteil des Gases, das an tagesaktuellen Spotmärkten gehandelt wird. So hat der Leipziger Importeur VNG im Jahr 2009 rund 22 Prozent seines Erdgasbedarfs an Spotmärkten gedeckt – das ist eine Verdoppelung des Anteils im Vergleich zu 2008. Und im Jahr 2004 lag der Anteil noch bei null.

Bei der Vorlage der Bilanz im Mai hatte VNG-Chef Klaus-Ewald Holst gesagt: „Es ist die große Kunst, die Beschaffung von Erdgas und den Verkauf von Erdgas miteinander in Einklang zu bringen. Nur wenn es uns gelingt, zu guten Konditionen die richtigen Mengen zum richtigen Zeitpunkt einzukaufen, können wir unseren Kunden in Verbindung mit unseren Dienstleistungsangeboten konkurrenzfähige Konditionen bieten.“

Bei dem Berliner Versorger Gasag hat man ein ambivalentes Verhältnis zur Ölpreisbindung. Gasag-Sprecher Klaus Haschker schätzt, dass rund zwei Drittel der Gasmengen, die sein Unternehmen einkauft, an langfristige Verträge mit Ölpreisbindung gekoppelt sind. Das hat den Nachteil, dass man von einem Preiseinbruch nicht so stark profitieren könne wie vielleicht manch britischer Versorger. Allerdings biete die Kopplung auch Stabilität in Zeiten steigender Preise.

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