Wirtschaft : Brachland statt Mini-Deutschland

EBERHARD LÖBLICH

KLÖTZE .Eigentlich sollten hier längst blühende Landschaften aus dem Altmarkboden wachsen.Auf 54 Hektar sollte das vereinte Deutschland quasi mit Sieben-Meilen-Stiefeln zu erwandern sein, 200 Modelle berühmter deutscher Bauwerke im Maßstab von 1:25 sollten die Republik im Überblick erlebbar machen.Aus der Traum?

Von Minideutschland, dem riesigen Freizeitpark, der da am Stadtrand von Klötze schon im kommenden Jahr seine Pforten öffnen sollte, existiert bislang nicht viel mehr als ein bunter Hochglanzprospekt.Mit dieser Broschüre sind findige Geschäftsleute aus Bayern 1995 auf Partnersuche in der Altmark gegangen - und fünfig geworden.Rund 40 Bürger aus Klötze und Umgebung haben angebissen, Anteile an der PROCOM Dr.Büchner & Partner GmbH & Co.Minideutschland KG gezeichnet.

"Das Kind mußte schließlich einen möglichst wohlklingenden Namen bekommen", sagt Klötzes Bürgermeister Lutz Kahler augenzwinkernd.Obwohl ihm in Sachen Minideutschland eigentlich auch selbst gar nicht mehr so wohl ist wie noch vor drei Jahren.Auch Kahler selbst ist wie die Kämmerin der kleinen Altmarkstadt als Kommanditist mit im Boot.Beide haben Kommanditanteile von je 5000 DM gezeichnet.Schon 1000 DM hätten als Anteil gereicht, sagt Kahler, aber erst mit dem Fünffachen sei auch das Stimmrecht verbunden gewesen."Und mitreden wollte ich schließlich", meint der Ortsvorsteher.

Von diesem Stimmrecht haben Kahler und seine Mitkommanditisten, die insgesamt Anteile für rund eine Million DM gezeichnet haben, derzeit allerdings recht wenig.Denn das Projekt, das in die strukturschwache Region den Aufschwung Ost bringen sollte, steht weiterhin nur auf dem Papier."Die Gesamtfinanzierung des Projekts ist noch nicht gesichert", räumt inzwischen auch der parteilose Kahler ein.

Im Klartext: Die Banken zieren sich gewaltig.Und deshalb ist auch die bereits zu Jahresbeginn zugesicherte Förderung der Gesamtinvestition aus der Landeskasse bislang noch alles andere als eine sichere Bank.Zwar hat das Landesförderinstitiut den potentiellen Bauherren und Betreibern des Freizeit-und Erlebnisparks schon im Januar zugesagt, die 38-Millionen-Investition mit rund 15 Mill.DM fördern zu wollen."Wir haben diese Förderung aber nur unter der Bedingung in Aussicht gestellt, daß die Gesamtfinanzierung des Projekts gesichert ist", sagt der Staatssekretär im Magdeburger Wirtschaftsministerium Rembert Behrendt."Ohne eine bedingungslose Finanzierungszusage einer Bank gibts für Minideutschland auch nicht einen einzigen Pfennig aus der Landeskasse."

Das sei die Bedingung, an die die Landesregierung und ihre nachgeordneten Behörden bei der Vergabe von Fördermitteln gebunden seien, sagt Behrendt, der von dem Projekt ansonsten begeistert ist."Zum einen paßt es voll und ganz in unser Entwicklungskonzept für die Altmark, die durch ihre Strukturschwäche und die Verkehrsinfrastruktur derzeit einfach nur Freizeit, Urlaub und Erholung als Entwicklungsziel infrage kommen läßt", so die nüchterne Einschätzung Behrendts."Zum anderen ist das Unternehmenskonzept einfach toll, die von den Bauherren vorgelegte Machbarkeitsstudie ist in sich ausgesprochen stimmig." Derartige Studien wünsche er sich in dieser Komplexität häufiger auf seinem Schreibtisch, meint der Staatssekretär.

Die Banken aber haben sich offenbar auch von der in sich stimmigen Komplexität der Machbarkeitsstudie nicht überzeugen lassen.Und daß die Geldinstitute vielleicht doch noch die vom Land geforderte Finanzierungszusage geben, scheint in jüngster Zeit fragwürdiger denn je.Denn der bayerische Unternehmer Manfred Mühlfeld, treibende Kraft bei "Minideutschland", ist kürzlich mit gleich drei Unternehmen seiner Firmengruppe in Konkurs gegangen.Zudem hat das personelle Aushängeschild des gigantischen Tourimusprojektes, der Schweizer Tourimusexperte Walter Gschwend, dem ganzen Unternehmen schon im Mai den Rücken gekehrt, weil er Probleme mit den finanziellen Jonglierkünsten Mühlfelds hatte.Für die meisten Banken ist das alles nicht gerade ein Bonitätsnachweis.

Die Stadträte von Klötze fühlen sich von den Unternehmern aus Bayern zunehmend alleingelassen.Früher seien sie stets auf dem laufenden gehalten worden, sagt Stadtrat Klaus Wollmann.Aber das sei eben früher gewesen, jetzt wüßten die Kommunalpolitiker ebensowenig wie die Bevölkerung und vor allem die Kommanditisten, wo sie ihre drängenden Fragen loswerden können.Denn die Räume der Minideutschland-Firma in der Oebisfelder Straße in Klötze sind längst geräumt, der Telefonanschluß abgeklemmt.Und auch eine Nachfrage am Hauptsitz der Firma im bayerischen Mellrichstadt bringt keine weiteren Erkenntnisse.Per Fax teilt Geschäftsführer Joachim Lindner mit, daß eine schon mehrfach verschobene Gesellschafterversammlung nun am 30.September endlich stattfinden soll.Dann, so heißt es, wollen die Investoren gegenüber den Kommanditisten und den Kommunalpolitikern vor Ort die Karten endlich auf den Tisch legen.Vorher gibts auch für die Medien keinerlei Auskünfte.

"Bis dahin muß die Finanzierung stehen", klammert sich Bürgermeister Kahler an einen letzten Strohhalm.Sonst könne es ernsthafte Probleme geben.Von einem Scheitern des Gesamtprojektes möchte Kahler aber selbst in diesem Fall noch nicht reden.Kein Wunder, denn die von Stadt und Landkreis finanzierte Machbarkeitsstudie, die auch im Wirtschaftsministerium auf so hohes Lob stößt, prognostiziert der Region Klötze durch den Freizeit- und Erlebnispark Minideutschland mittelfristig die gigantische Zahl von 600 000 Besuchern jährlich.Besucher, die sicher auch außerhalb des Freizeitparks die eine oder andere Mark in der Region lassen, meint Kahler.Ein Potential, auf das die Stadt Klötze und ihr Bürgermeister höchst ungern verzichten würden.

"Wenn das Projekt mit den bisherigen Investoren scheitern sollte, dann ist es wichtig, daß erst einmal die Kommanditanteile der Klötzer Bürger wieder ausgezahlt werden und die Grundstücksverkäufe rückabgewickelt werden", meint Kahler.Denn die einstigen Grundstückseigentümer haben die 54 Hektar, auf denen Minideutschland eigentlich längst im Entstehen sein sollte, schon vor geraumer Zeit per notariellem Kaufvertrag an die Kommanditgesellschaft unter Führung der bayerischen Geschäftsleute verkauft, bislang aber noch keinen Pfennig des vereinbarten Kaufpreises gesehen."Aber wenn wir das alles geklärt haben", verspricht Kahler zuversichtlich, "dann nehme ich mir die Machbarkeitsstudie und suche damit notfalls auch ganz allein nach einem neuen Investor für das Projekt."

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar